Ulrike Werber | Foto: Giovanni Lo Curto

Wenn etwas ganz Neues entsteht

Allroundtalent Ulrike Werber | Foto: Mirja Loewe
Ulrike Werber vereint mehrere Berufe in einer Person: Coach, Schauspielerin und Projektinitiatorin. / Foto: Mirja Loewe /

Ulrike Werber – eine Frau mit mehreren Berufen.

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Dass sich jemand mit seinem Nebenberuf vorstellt, ist eher selten. Da muss dieser Nebenberuf schon etwas Besonderes sein oder eben dieser jemand selbst, beziehungsweise diese jemand. Bei Ulrike Werber trifft tatsächlich beides zu. Wir sind im Haus verabredet, in einem Gebäude im Weidenweg 62, in dem der Verein DAS HAUS Begegnungsstätte für Kindheit e.V. residiert. Hier treffe ich Ulrike, eine eher mittelgroße sicher und ruhig auftretende Frau mit dunklem, langen Haar und einem sehr aufmerksamen Blick.
Hier realisiert sie einen großen Teil ihres Projekts „Familienbilder aus unserem Kiez“, mit dem sie Kinder und Eltern mit unterschiedlichsten Familienstrukturen zusammenbringt. „Darunter sind Alleinerziehende, aber auch Regebogenfamilien sind eingeladen und alle anderen etwas ungewöhnlicheren Familienformen. „Es gibt gerade in Berlin ganz unterschiedliche Modelle des Zusammenlebens“, erläutert Ulrike und unterstreicht: „Das Thema Alleinerziehende ist besonders wichtig. Den Projektantrag habe ich gestellt, nachdem ich die Studie zur Situation der Familien des statistischen Bundesamtes vom August 2018 gelesen habe, laut dem ein Drittel aller Kinder in Deutschland bei einem Elternteil aufwachsen.“
Immer noch haftet Alleinerziehenden ein Makel an, sie wären nicht ganz gleichwertige Eltern. Ulrike bestätigt: „Das erscheint etwa so wie: vielleicht wirst du noch mal was Richtiges.“ Ihr Ziel ist es, Menschen, die ihre Kinder „anders“ erziehen, zusammenzubringen, sie zu ermutigen. „Das geschieht hier durch unsere Projekttreffen als Anlaufpunkt, wo es neben unseren gemütlichen gemeinsamen Essen auch Kreativangebote gibt: Filme drehen, Schreiben, Malen oder Musik machen.“ Der Ort passte perfekt. „Die Kinder kommen ohnehin gern ins Haus“, sagt Ulrike und zeigt mir den Treffpunkt: ein riesiger, durch das ganze Gebäude gehender Raum, geschmückt mit Zeichnungen und Fotografien, eine große Tafel, an der viele Leute sitzen können, freier Blick durch die verglaste Tür in den Hof. Ein schöner Ort. Der Verein DAS HAUS e.V. bietet Eltern an, hier mit ihren Kindern an bestimmten Tagen in der Woche ohne Anmeldung und Gebühren aktiv zu werden. Es gibt Beratungsangebote und man kann Töpfern, Theater spielen, Kochen, Musizieren, es gibt auch eine Fahrradwerkstatt.

Porträt Ulrike Werber: Das Haus e.V. | Foto: Giovanni Lo Curto
Das Haus e.V zeigt schon äußerlich, dass es ungewöhnliche Freiräume bietet. / Foto: Giovanni Lo Curto /

Wo sind die alten Leute?

Angefangen, sich in Friedrichshain sozial und kulturell zu engagieren, hat Ulrike mit einem anderen Projekt. „Ich habe versucht, Kinder mit alten Menschen zusammenzubringen. Ich startete das Projekt in Kooperation mit „menschenskinder berlin gGmbH“. In Kontakt zu kommen war zuerst gar nicht so einfach. Es fing mit der Frage an: ‚Friedrichshain hat viele junge Menschen – aber wo sind hier die alten Leute?’“ Mit Unterstützung des Trägers suchte Ulrike mit Kindern Orte auf, wo sich alte Menschen aufhielten, etwa Seniorenheime und Seniorentreffs. „Manche alte Leute waren zunächst sehr zurückhaltend und mussten sich erst auf die Kinder einstellen. Aber dann sind sehr schöne Geschichten daraus entstanden. Die älteren Menschen erzählten sehr interessante Geschichten und Kinder hörten zu. „Leider ließ sich das nicht verstetigen, wie ich es eigentlich vor hatte.“ Damit spricht Ulrike ein Thema an, das alle Ehrenamtliche kennen. Viele finden das Engagement toll und unterstützen es, aber eine Person oder eine Gruppe muss Initiative ergreifen, sonst geht es nicht weiter. Oft fehlt einfach nur der Impuls. Aber das Erreichte ist dennoch sehenswert und macht Mut. Beide Projekte wurden von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

Ulrike Werber auf einer Kuh sitzend | Foto: privat
Schon im Alter von 4 Jahren mehreres gleichzeitig: Kuh reiten und Katze streicheln. / Foto: privat /

Menschen zusammenbringen

Ungewöhnlich erscheint Ulrikes Motivation nur auf den ersten Blick. Es ist ja nicht gerade einfach, Projektgelder zu beantragen, Räume zu organisieren, Leute zusammen zu bringen und daraus auch noch etwas Vorzeigbares zu machen. „Mich persönlich interessiert, was passiert, wenn sich zwei vollkommen unterschiedliche Leute begegnen und daraus etwas ganz Neues entsteht.“ Als ganz junge Frau wandte sie sich einmal an einen Buchhändler mit der Frage nach einem Buch, in dem sich extrem verschiedene Menschen begegnen und daraus etwas ganz Neues entsteht. „Die Antwort war, dass die ganze Weltliteratur voll von Geschichten ist, in denen sich unterschiedlichste Leute begegnen und daraus etwas Neues entsteht.“ Ulrike muss jetzt noch darüber lachen. Zurückgewiesen mit einer persönlich sehr wichtigen wichtigen Erkenntnis – die sich als Binsenweisheit entpuppt. Aber sie ist ein Motor. Und damit kann auch Ulrikes eigene Geschichte erzählt werden. Aufgewachsen in Hamburg, zog es sie immer auch nach Berlin, von wo ihre Mutter her stammt. Sie studierte Schauspiel und zog als Schauspielerin durch die Lande, engagiert in Kassel, Hannover, Stendal, Singen, Halberstadt und Lübeck, eher in „kleinen“ Häusern. „Ich war sehr stolz, mit dem, was ich am liebsten tat, auch noch Geld verdienen zu können“, erläutert sie. „Das war eigentlich schon ein Erfolg.“ 2001 war sie des Umherreisens müde und wollte sich niederlassen. Hamburg und Berlin kamen beide in Betracht. „In Berlin passte es sofort. Die Stadt war viel offener, und dazu war es viel einfacher, eine Wohnung zu bekommen.“ Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Die Leute zu sich selbst führen

In Berlin begann sie als Coach zu arbeiten. „Es begann damit, dass mich jemand mal fragte: ‚Ich muss einen Vortrag halten. Kannst Du Dir das mal ansehen und mir noch Tipps geben?’“ Das sprach sich herum. „Oft kann ich mich dabei auf mein Gefühl verlassen, aber das reicht natürlich nicht. Ich habe mich daher systematisch fortgebildet.“ Inzwischen gibt sie Kurse in Studios oder in Volkshochschulen, macht Trainings in Unternehmen und mit Einzelpersonen und hat sogar eine Publikation verfasst: „Smart präsentieren“. Jeder kennt die Angst vor einem Vorstellungsgespräch oder davor, vor einer größeren Menschenmenge reden zu müssen. Bei manchen ist diese Angst so stark, dass sie lieber auf eine bessere Arbeit zu verzichten, als sich dem Problem zu stellen. Wie man diese Angst in positive Energie umwandelt, das kann Ulrike Werber trainieren. „Oft geht es auch nur darum, dass sich die Klienten darüber klar werden, was sie überhaupt wollen. Ein Coach hat im Leben seines Klienten nichts zu bestimmen. Er arbeitet heraus, was die Menschen selber wollen und welchen Weg sie dazu einschlagen können.“ Eine Möglichkeit der Analyse ist die Arbeit mit der Kamera. „Die Leute kennen üblicherweise nur ihr Spiegelbild. Wenn sie sich mal aus einer anderen Perspektive erleben, dann löst es auch Erkenntnisse aus.“

Ulrike Werber im Theaterstück “Ein Schloss in Schweden” von Francois Sagan | Foto: privat
Im Alter von 27 Jahren in “Ein Schloss in Schweden” von Francois Saganim Theater „Die Färbe“ in Singen“. / Foto: privat /

Ist sie noch ein Theatermensch? „Ja, das Theater ist für mich immer noch einmalig und unmittelbar. Es ist live.“ Der Beruf ist für den Großteil der Schauspieler aber auch sehr herausfordernd. Und sie wollte mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. „Ich hatte das Glück, nicht darauf angewiesen zu sein. Es ist etwas anderes, wenn man unbedingt und ausschließlich Schauspieler sein will, weil man nichts anderes machen möchte. Mit dem Theater ist es bei mir ein bisschen wie mit einer großen Liebe, die ein wenig abhanden gekommen ist. Aber ich habe so viele Facetten in meinem Leben, dass ich da gar nichts vermisse.“

Wie schön wäre es, wenn viel mehr Menschen so auf ihr Leben blicken könnten. Die nächsten Familientreffs im Haus in der Weidenweg 62 sind am 21. September sowie am 5. Oktober. Das große Abschlussfest findet am 19. Oktober statt.

Begegnungsstätte für Kindheit e.V. in Berlin-Friedrichshain | Porträt: Ulrike Werber
Das Logo der Begegnungsstätte am Weidenweg 62. / Foto: Giovanni Lo Curto /

www.dashaus-kindheit.de

www.einfach-besser-wirken.de

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