Into the Blue | Fragments from the TV Generation, 1987 | Foto: André Werner

Untergrund, was ist das? Ein Versuchsprojekt Zweiter Teil

Into the Blue | Fragments from the TV Generation, 1987 | Foto: André Werner
Into the Blue | Fragments from the TV Generation, 1987 / Foto: André Werner /

Drei öffentliche Veranstaltungen zu Leerstellen in der Zeitgeschichte und Erinnerungskultur in Friedrichshain.

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Der Begriff Untergrund, ob kulturell, künstlerisch oder politisch, hat ganz verschiedene Anklänge. Verrucht, geheimnisvoll, versteckt und gefährlich ist er für die einen, abgelatscht, Sehnsuchtsort alter Leute, Schnee von gestern für andere. Es geht darum, eingetretene Pfade zu verlassen und Neues auszuprobieren, auch mit Mitteln der Provokation, aber auch darum, Emanzipation und Teilhabe zu ermöglichen und Ohnmacht zu überwinden. Schlagworte wie „Parallelgesellschaft“ oder „terroristisch“ verhärten den Begriff, wohlfeil angebotene Punk-Accessoires oder touristisches Amüsement in Partykellern weichen ihn auf. Was ist überhaupt echt? Zeitzeiger nimmt sich des Phänomens an und startet dank einer Förderung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa in die zweite Phase der Testreihe. Von den fünf geplanten Veranstaltungen zum Thema konnten aufgrund der Pandemie nur zwei stattfinden. Drei stehen nun im März auf dem Programm.

Ormig und Rotaprint – verbotene Drucke im Berlin der westsiebziger und ostachtziger Jahre

Donnerstag, 17.3. 20h Villa Felix

Gefälschter 40-Quark-Geldschein. Anspielung auf das 40. DDR-Jubiläum 1989 | Foto: Privat
Gefälschter 40-Quark-Geldschein. Anspielung auf das 40. DDR-Jubiläum 1989 / Foto: Privat /

Gedrucktes ist ein Massenmedium, mit dem viele Menschen erreicht werden können. Wer drucken kann, ist in der Lage, den eigenen Kommunikationsradius erheblich zu erweitern. Die Gegenöffentlichkeit war in den 1970er-Jahren Westberlins ein enorm wichtiger Bestandteil emanzipatorischer außerparlamentarischer sozialer Bewegungen, als Zeitungen und andere Printmedien noch sehr statisch und konservativ agierten. Nicht anders als in der DDR der 1980er-Jahre, als Enthusiasten innerhalb und außerhalb der evangelischen Kirche daran gingen, das staatliche Informationsmonopol zu brechen. Wer kennt ihre Möglichkeiten und ihre Erfolge? DDR-Spezialisten sind stolz darauf, vielleicht drei oder vier Erzeugnisse illegaler Publizistik der DDR mit ihren Namen aufzählen zu können. Aber es existierten über 200 Titel, zehntausende Seiten ungehobener Alltag.

Experimentaldruck mit Pappe auf Glas / Druck: Dirk Moldt /
Experimentaldruck mit Pappe auf Glas für das Theaterstück: „MNPProblematik“ 1984. / Druck: Dirk Moldt /

 

Freundlich aber seltsam ändert sich die Welt. Ein Zufallsabend mit Cosima Reif, Nina Hartmann und André Werner.

Donnerstag, 31.3. 20h Filmrisz, Rigaer Str. 103, 10247 Berlin

City Primeval. New York, Berlin, Prague, 1987 | Foto: André Werner
Contra Punkt, Wolfram Odin und André Werner, Video Performance in der Oranienstraße, Berlin, 1987 / Foto: André Werner /

Der röntgen-blaue Palast – Videokunst in den 1980er- Jahren

Bis dato war der Fernseher unerreichbar. Obwohl in jedem Wohnzimmer zu Hause, hatten ihre Besitzer keinerlei Einfluss auf die dargebotenen Bilder und Inhalte. Video änderte diese Situation fundamental. Das einzelne Individuum war plötzlich in der Lage, selber über das Fernsehbild zu bestimmen. Zusammen mit der Einführung von Satellitenfernsehen und Privatsendern veränderte Video die Medienlandschaft in atemberaubender Geschwindigkeit. Gleichzeitig eröffnete das Format völlig neue Möglichkeiten der künstlerischen Produktion und Intervention. Die Videokamera, das tragbare Fernsehstudio, wie es Emmett Brown in „Back to the Future“ 1985 beschrieb, wurde zur Waffe gegen staatliche und kommerzielle Medien. „Bilderfluten“ und „information overflow“ wurden zu geflügelten Wörtern im Mediendiskurs, der innerhalb der Kunstszene mit Installationen, Vorträgen und Performances erweitert wurde.
„Es ging nie um Kino, dieses Land alter Männer. Es ging nicht einmal um Video. Es ging um den letzten Schritt in den Heiligen Gral. Die Videokamera war der Schlüssel zu Aladins Höhle, und wir glaubten, wir könnten die Kontrolle übernehmen, unseren Anteil an diesem magischen, strahlenden Momentum zurückfordern. Wir erwarteten einen röntgen-blauen Palast. Stattdessen verloren wir uns in einem Labyrinth von Spiegelkabinetten.“ Im Rückblick verblüffend, wie sehr die damaligen Diskussionen und Positionen auch in Zeiten des Internets ihre Gültigkeit bewahrt haben und im Nachhinein geradezu prophetisch wirken.

Cosima Reif und André Werner haben seit den späten 80er Jahren den Mediendiskurs mit zahlreichen Filmen, Performances und Vorträgen durcheinander gebracht. Im Filmrisz plaudern die beiden darüber, warum sie denn jetzt Untergrund sein sollen. Nina Hartmann setzt dieses Gespräch vor Ort in ein fernsehtaugliches Format um.

In Zusammenarbeit mit Directors Lounge.

 

Mariane Teuffei, Manteuffelstr. 97, Berlin

Gesellschaft, Rebellion, Frauen und ein experimenteller Dokumentarfilm (1983)

Freitag, 8.4. 20h Villa Felix

Eine versunkene Welt: Westberlin Anfang der 1980er-Jahre, „Kahlschlagsanierung“ und „Wucherleerstand“ sind zwei häufige Schlagworte der politischen Realität. Im Januar 1981 besetzen Frauen ein Wohnhaus in der Manteuffelstraße 97 und gründeten den Verein „Marianne Teuffel“. Eine der Besetzerinnen dreht 1983 einen etwa 20-minütigen Film aus der Innenansicht des Frauenhauses, der stilistisch auf Verfremdungseffekte, Fotodokumentation und Interviews setzt. Er ist nicht nur eine dokumentarisch-künstlerische Momentaufnahme, sondern auch Dokument der Emanzipation der Geschlechter. Die Beteiligung von Frauen in der Besetzerszene, ihre Konzepte, Strategien, Erfolge und Misserfolge sind kaum beleuchtet. Welche Rolle diese Frauen in jener Zeit des Umdenkens in Richtung Mitgestalten, Akzeptanz des zivilen Ungehorsams, in Konflikten und bei der alternativen Stadtplanung spielten, wird Thema des Abends sein. Dabei steht der Film im Mittelpunkt.

 

 

Nicht ohne Grund: Untergrund ist eine Testreihe in der Villa Felix, Schreinerstraße 477 im März/April 2022

 

Verlegt: Freundlich aber seltsam ändert sich die Welt. Ein Zufallsabend mit Cosima Reif, Nina Hartmann und André Werner. Donnerstag, 31.3. 20h Filmrisz, Rigaer Str. 103, 10247 Berlin

Im April geht es wieder in der Villa Felix weiter.

 

Aufgrund der Hygienemaßnahmen noch nicht sicher, wie viele Menschen zu den Veranstaltungen gelassen werden können.

Bitte melden Sie sich bei Interesse bei uns per E-Mail an unter redaktion@fhzz.de.

Berlin Senatsverwaltung für Kultur und Europa

 

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