Die Schankwirtschaft der Familie Kirsch in der Petersburger Straße 81 in Freidrichshain| Foto: privat

Familie August Kirsch

Familienfoto: Familie Kirsch um 1916 | Foto: privat
Katharina und August Kirsch mit Töchtern und Söhnen 1916. Links oben Tochter Ida, deren Tochter Elli wiederum die Kleinste auf dem Bild zwischen den alten Eheleuten ist. Sie ist die Mutter der Autorin. / Foto: privat /

Wichtig war der Kontakt mit den Menschen

Die älteste Tochter Ida, geboren am 8. Dezember 1890, war mit 14 Jahren bereits aus dem Haus gegangen, in die Lehre als Fleischermamsell in Kost und Logis zu einem Fleischermeister in Friedrichsfelde, der die Würstchen für August Kirsch lieferte. Später lieferte die Würstchen der Schwiegersohn Wilhelm Wiencke, der mit der Tochter Ida eine kleine Fleischerei in der Zorndorfer Straße 19 (heute Mühsamstraße), also fast um die Ecke betrieb. Die Söhne heirateten ebenfalls und gingen eigene Wege. Es blieben nur die Töchter Bertha und Frieda zu Hause in der Gaststätte. 1918, als Berlin nach dem 1.Weltkrieg wieder aufblühte, wurden die Pferdedroschken immer mehr, um die großen Entfernungen in der Stadt und den Ausflugsverkehr zu bewältigen. Im Weidenweg, unmittelbar am Baltenplatz, war daher eine Pferdedroschken-Haltestelle eingerichtet worden. Die Pferde und die Kutscher machten hier Pause und stärkten sich in der Frühstücksstube bei August Kirsch. Das Geschäft ging gut, alle hatten viel zu tun. Aber noch wichtiger war der Kontakt mit den Menschen. Es wurde bei Bier und Korn manches geplauscht über Politik, die wirtschaftlichen Verhältnisse oder auch über persönliche Sorgen. Höhepunkt war jedoch immer die Weihnachtszeit. Das große Vereinszimmer neben dem Schankraum war nicht nur der Treffpunkt der ganzen großen Familie mit Kindern und Enkelkindern, sondern auch für die armen Leute, die keine warme Stube oder kein Geld für eine eigene Weihnachtsfeier hatten. Sie kamen zu August Kirsch und wurden in die Familie aufgenommen.

Die Geschichte geht weiter

August Kirsch starb am 11. Mai 1931. Danach wurde die Gaststätte verkauft und von anderen bis 1944 weiter bewirtschaftet, als das Haus durch Bomben in Trümmer fiel. 1931 eröffnete Tochter Frieda ein Geschäft im gleichen Kiez, ein Seifengeschäft, wie es damals hieß, in der Elbinger Straße (heute Danziger Straße) und nahm die Mutter zu sich. Wieder fand eine treue Kundschaft bei Mitgliedern der Familie Kirsch ein gutes Angebot und ein freundliches Wort auch zu persönlichen Dingen, bis 1968 das Geschäft aus Altersgründen aufgegeben wurde.
So löste sich mit der Zeit alles auf. Nur die Enkeltochter Elli zog 1936 aus alter Tradition und Verbundenheit zum Kiez in die Löwestraße 20 (heute Löwestraße 6a). Daher sind auch mir die Einzelheiten der Entwicklung unserer Familie noch gegenwärtig aus Erzählungen und eigener Anschauung. Die Kindheit mit allen schrecklichen Kriegsereignissen habe ich hier erlebt und auch meinen Kindern konnte ich noch die bis 1979 bewohnte Mietskaserne zeigen. Dann wurde das Haus wegen Baufälligkeit abgerissen. Heute wächst Gras über dem Vergangenen. Alle anderen Nachkommen des August Kirsch schreiben jetzt ihre eigene zuversichtlichere Geschichte. Aber am Baltenplatz wurde im Zuge der neuen Bebauung des damaligen Bersarinplatzes wieder eine Gaststätte an gleicher Stelle eröffnet, die es inzwischen aber auch nicht mehr gibt.

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