Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto

Wahrhaftigkeit ist wichtig

Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto
Der Dichter, Fotograf und Herausgeber Florian Günther.

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Vor etwa hundertfünfzig Jahren schwärmte der Berliner Publizist Julius Springer, wie schön es sei, in der Jugend zu dichten, weil in ihr das ganze Leben noch ein Gedicht sei. Was hat es aber mit dem Dichten und den Dichtern auf sich, wenn die Jugend vorbei ist und wenn diese alles andere als poetisch war?

Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto
Ich treffe mich mit Florian Günther im Eberty-Treff, einer holzgetäfelten Raucherkneipe, deren Gäste ganz anders aussehen als die in die Jahre gekommenen Szene-Typen und adrett bekleideten Neubewohner meines Kiezes. Kaum zu glauben, hier sitzen letzte Überbleibsel eines Menschenschlags, der Friedrichshain bevölkerte, als er noch proletarisch geprägt war. Florian Günther empfängt mich genau in diesem Zentrums eines Soziotops, in dem er sich heimisch fühlt. Den Ort Reservat zu nennen, würde die trügerische Vorstellung erwecken, er wäre eigens zum Schutz der letzten Überbleibsel der proletarischen DDR-Kneipenkultur eingerichtet worden. Florian Günther hat den Menschen hier im letzten Jahr einen Fotoband mit dem mehrdeutigen Titel: „Genug Zeit zu verlieren. Neue Fotos, gebrauchte Gedichte“ gewidmet, nicht nur ein künstlerisches sondern auch ein unter volkskundlerischen Gesichtspunkten bemerkenswertes Kleinod.

Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto

DreckSack

Grauer Bürstenschnitt, mit grauen Stoppeln bedeckte Wangen und Kinn, Drahtbrille und dunkle, unauffällige Kleidung – dass hier nicht nur ein erfolgreicher Künstler und Publizist, sondern auch ein überaus aufmerksamer Beobachter zu Hause ist, möchte man auf den ersten Blick gar nicht glauben. Florian Günther mustert mich mit einem distanzierten aber offenen Blick. Wahrscheinlich spiegelt er mich auch nur. Seit 2010 gibt er inzwischen vierteljährlich den „DreckSack“ heraus, Untertitel: „Lesbare Zeitschrift für Literatur“, die weithin Beachtung findet. Ein erstaunliches Blatt, gut gestaltet, das Poesie, Situations-, Knast- und Reisebeschreibung, Groteskes und Unterhaltsames mit ausgesprochen sehenswerten Fotografien des Herausgebers, aber auch anderen Fotografen kombiniert.

Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto

Literatur, die das Leben widerspiegelt

Wie bekommt man so ein Blatt hin? Es soll jedenfalls keine Literaturzeitung sein, die nur einen kleinen Kreis von Insidern bedient, so der Herausgeber. Und so finden hier neben bekannten Autoren wie Franz Dobler, Harry Rowohlt, Katja Kullmann, Wolfgang Welt und Eduard Kotschergin auch weniger bekannte Autoren eine Plattform; Autoren, die eine Geschichte glaubwürdig und „lesbar“ zu erzählen wissen. „Es müssen auch nicht immer brillant geschriebene Texte sein“, erklärt er. „Nicht jeder, der etwas zu sagen hat, kann schreiben – und umgekehrt.“
Meine Beobachtung, dass heutzutage viel geschrieben und vorgelesen wird, bestätigt auch er: „Am meisten stört mich die Harmlosigkeit, mit der vor allem junge, oft auch durchaus talentierte Autoren vorgehen. Die haben keine Wut, keinen Punch, keinen Biss, keinen Widerspruchsgeist oder wenigstens das Bedürfnis, mal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Die hocken da in ihren frisch rekonstruierten und von Mama und Papa finanzierten Buden rum und beschreiben die unendliche Banalität ihrer Festivitäten. Aber dass der Elektrofritze im Parterre seinen Laden dichtmachen muss, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann, interessiert sie kein bisschen.“

Cover des Drecksack, 6. Jahrgang, Heft 3, Juli 2015. Herausgegeben von Florian Günther Foto: Siebrand Rehberg
Makellos, der Drecksack 2015 | Foto: Siebrand Rehberg

Ein eigener Literaturbetrieb

Inzwischen haben über 150 Autoren aus mehreren Ländern im „DreckSack“ publiziert, den Florian Günther wie seine Bücher in der „Edition Lükk Nösens“ herausbringt. Wie hält man heutzutage den Betrieb einer solchen Literaturzeitschrift am Laufen, die inzwischen auch in überregionalen Medien wie den Freitag, Die Welt und Deutschlandfunk Beachtung findet? Florian Günter lacht, als hätte ich von ihm verlangt, ein unsittliches Geheimnis zu lüften: „Ein guter Deal mit einer wohlwollenden Druckerei, viel ehrenamtliche Arbeit und Mitarbeiter, die finden, dass es so was wie den ‚DreckSack‘ geben muss, im ansonsten doch wohl ziemlich weichgespülten (Literatur-)Blätterwald.“ Nichts Besonderes, möchte man meinen. Doch falsch gedacht. Das Besondere ist der Herausgeber, der weitaus mehr als ein Zeitungsmacher ist.

Florian Günther. Im zarten Kindergartenalter, Ende der 1960er Jahre. Foto: Privat
Im zarten Kindergartenalter, Ende der 1960er Jahre

Selbstbehauptung unter schwierigen Bedingungen

Manche behaupten, es gäbe nur zwei Typen von rastlosen Menschen: Reisende, die unterwegs sein müssen, um die Welt zu erkennen und solche, die in der Stabilitas loci eines festen Ortes nicht weniger klug, wissend und weise als die Kilometerfresser werden, oft sogar noch mehr. Florian Günther gehört eher zu den letzteren. „Mein Leben spielt sich hauptsächlich zwischen der Landsberger Allee mit dem Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, der Warschauer Brücke und dem oberen Ende der Frankfurter Allee ab.“ In der Eckertstraße befand sich seine Schule. Ausgebildet wurde er in der ND-Druckerei am Mehringplatz zum Offsetdrucker. „Ich war ein guter Lehrling, der Beste, wie man der obligatorischen Wandzeitung entnehmen konnte“, erzählt er grinsend. „Ich mochte die Arbeit, die mehrstöckigen Maschinen, den Geruch der Farben.“ Eingeteilt wurde er zu den Maschinen, auf denen die Berliner Zeitung, die Pionierzeitung Trommel und die Postillen der Blockparteien gedruckt wurden. Aber er blieb nicht lange. Kaum hatte er seine Lehrzeit abgeschlossen, kündigt er auch schon wieder. „In erster Linie wollte ich damit einer Frau imponieren, mit der ich später eine Tochter hatte. Aber ich konnte und wollte mir auch nicht vorstellen, ein Leben lang dasselbe zu tun.“

Florian Günther. Spaziergang mit der Mutter in der Karl-Marx-Allee. Foto: Privat
Spaziergang mit der Mutter in der Karl-Marx-Allee.

Mit siebzehn war er bei den Eltern ausgezogen. Er hatte noch keine eigene Wohnung, lebte praktisch auf der Straße. „Das war schon hart. Ich habe im Dreischichtsystem gearbeitet und nachts auf Parkbänken oder in zugigen Hausfluren genächtigt.“ Er entwickelte sich zum Gelegenheitsarbeiter, arbeitete mal am Ostbahnhof, mal auf Friedhöfen, mal an Orten, an die er sich heute kaum noch erinnert, bricht immer wieder in leerstehende Wohnungen ein. Dann weist man ihm – wohl um ihn besser im Auge zu haben – eine heruntergekommene Parterrewohnung mit Außentoilette und für 25 Ostmark in der Kopernikusstraße zu. Beziehungen mit anderen Leuten, einschließlich Frauen, hielt er nie lange aus: „Ich war ein schwieriger Zeitgenosse, fast immer betrunken, hatte das Gefühl, nirgendwo so richtig reinzupassen. Ständig gab es Ärger mit der Polizei.“ Da er keiner festen Arbeit nachging, droht ihm der ABV: „Sobald du auch nur einen Appel klaust, bist du dran!“ Mehrmals stand er an der Bahnsteigkante auf dem U-Bahnhof Frankfurter Tor, schaffte es aber nicht zu springen.
Aber er traf auch auf Menschen, die Interessantes zu erzählen wussten, Kneipenbekanntschaften, alleinstehende Frauen.

Werner mit dem Holzschwert. Ein Nachbar und Messi – über den Geruch, der seiner Wohnung entströmte, beschwerten sich die Anwohner. 1986 Foto: Florian Günther
Werner mit dem Holzschwert. Ein Nachbar und Messi – über den Geruch, der seiner Wohnung entströmte, beschwerten sich die Anwohner. 1986 Foto: Florian Günther

Dichtung im Realsozialismus

Er machte sich Notizen und begann zu schreiben. Uwe Warnke, der Verleger der Untergrundzeitschrift „entwerter/oder“ besuchte ihn zu Hause, sah sich Manuskripte an. Aber es kam zu keiner Zusammenarbeit, weil Günther sich schwer tat, immer und immer wieder seine Texte abzutippen. Kopierer gab es nicht in der DDR. „Und meiner Schreibmaschine fehlte auch noch das E, so dass die Gedichte aussahen, als wären sie von Ernst Jandl!“, fügt er lachend hinzu. Er sagte dem Verleger ab und versuchte es im offiziellen Literaturbetrieb, doch auch hier ohne Erfolg. Briefe mit literarischen Arbeiten blieben unbeantwortet, bis es einmal hieß: „Herr Günther, Ihre Texte werden nie bei uns erscheinen, weil sie nichts mit den Verhältnissen in der DDR zu tun haben!“ Was das für Texte waren? Florian Günther zuckt mit den Schultern: „Texte über ganz normale Leute: Flittchen und Säufer, Asoziale, gescheiterte Künstler, einsame Rentner, Stricher, Parteibonzen, Kellner, Knackis und Polizisten aus der Nachbarschaft.“
Er gab das Schreiben auf und kaufte sich eine Praktica MTL 3. Er wollte Fotos machen, festhalten, was ihn umgab, sich wenigstens auf dieses Weise künstlerisch betätigen. Schließlich hatte er Glück und fand Anstellung in der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Stadtbibliothek. Dort lernte er den Gebrauchsgrafiker Hubert Riedel kennen, dem er in den folgenden Jahren bei zahlreichen Ausstellungen zur Hand ging. Er lernte dazu, mochte die Arbeit, entwarf irgendwann sein erstes Veranstaltungsplakat. Als Riedel sich selbstständig machte, übernahm er dessen Stelle als Hausgrafiker.

Verlassener Blumenladen am abgerissenen S-Bahnhof Warschauer Straße. Foto: Florian Günther
Verlassener Blumenladen am abgerissenen S-Bahnhof Warschauer Straße. Foto: Florian Günther

Keine Fahrkarte  in den Westen

„Ich wollte nur reisen“, erzählt er, „nicht ausreisen. Die Nazis hatten meinen Großvater, an dem ich hing, gefoltert und ins Lager gesperrt. Und ich wollte nicht in einem Land leben, in dem viele von denen friedlich vor sich hin leben durften und hochdotierte Posten bekleideten. Das wäre mir wie Verrat an ihm und meiner Mutter erschienen.“ Aber er wollte mehr sehen, als nur den Ostblock. Der „realen“ Welt nachspüren. Also arbeitete er intensiv daran, in den Verband Bildender Künstler aufgenommen zu werden und einen Reisepass zu bekommen. Aber als er kurz vor dem Ziel war, die Unterstützung von Roger Melis fand und noch 1989 eine große Ausstellung in der seinerzeit renommierten „Galerie am Weidendamm“ hatte, war die Mauer schon gefallen.

Der Hund namens Krause, benannt nach seinem Herrchen, der ihn beim Spielen verloren hat, konnte zum Kacken gehen selbst die Türen öffnen. 19??? Foto: Florian Günther
Der Hund namens Krause, benannt nach seinem Herrchen, der ihn beim Spielen verloren hat, konnte zum Kacken gehen selbst die Türen öffnen. 19?? Foto: Florian Günther

Bilder von der weiten Welt

Florian Günther arbeitete nach der Wende als Grafiker und Fotograf, kam viel herum, war oft in Frankreich, wo er Fotos für das Basler Magazin machte. Dann, 1993, führte ihn ein Auftrag nach Brasilien, wo er 3-D-Fotos von Umweltprojekten machte, aber auch Unmengen privater Fotos von den Menschen, denen er dort begegnete und von denen viele später in seinem ersten Fotoband „Reisen ohne wegzumüssen – Fotografien 1984–1994“ erschienen. Er flog auf dieser Reise allein in Brasilien 36 Mal, sah viel Schönes, Einzigartiges. Aber die bittere Armut, mit der er immer wieder konfrontiert wurde, setzte ihm zu. „Für viele da brauchte man gar keine Mauer zu bauen, weil sie eh nicht über die erstbeste Müllkippe hinauskamen …“
Wie manch anderem in seinem Alter fällt auch ihm der Rückblick auf das Land, in dem er aufwuchs, immer schwerer, und so wundert er sich: „Wie milde ich im Rückblick geworden bin. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, wie frustrierend vieles war.“ Aber er ist zufrieden, wie es mit dem DreckSack, der Edition Lükk Nösens und seinen Büchern läuft. Sein aktuelles, schon erwähntes Fotobuch, das er in Kooperation mit dem Mainzer gONZo-Verlag herausgegeben hat, findet viele Interessenten. Es ist 250 Seiten stark und erzählt von jenen, denen Günther in den vergangenen zehn Jahren in Friedrichshainer, Kreuzberger und Prenzlauer Berger Kneipen begegnet ist: Künstlerfreunde, Arbeiter, Kassiererinnen, Frührentner, Prostituierte, Polizisten, Lehrer.

Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto
Als wir uns schon verabschieden, kommt ihm noch ein witziger Gedanke, vielleicht der Rohstoff eines weiteren Gedichts: „Wenn ich gestorben bin“, sagt er, „verscharren sie mich wahrscheinlich auf dem Friedhof an der Landsberger Allee gegenüber dem Krankenhaus, in dem ich geboren wurde. – Und auf dem Grabstein“, fügt er grinsend hinzu, „wird stehen: Er hat ein Leben lang gebraucht, die Straße zu überqueren!“

Ein Gedanke zu „Wahrhaftigkeit ist wichtig“

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