Landschaft von dem Maler Paul Riess| Aufnahme: Patrick Hertel.

Der Landschaftsmaler Paul Riess

Landschaft von dem Maler Paul Riess| Aufnahme: Patrick Hertel.
Eine Impression aus der Mark? „Sonnenuntergang mit Störchen“ von Paul Riess, undatiert, frühe 1880er Jahre, Öl auf Holzplatte, 16,5 x 23 cm, am 29. März 2019 bei Jeschke & Van Fliet, Berlin, versteigert, / Aufnahme: Patrick Hertel. /

Eine Lebensstation am Frankfurter Tor.

Von Andreas Seidel.

Der Landschaftsmaler Paul Riess, geboren am 15. März 1857 in Fichtwerder/ Warthe, gestorben in Dessau am 30. Mai 1933, verließ 17jährig sein Heimatdorf in Richtung Berlin. Hier fand er Quartier in der Frankfurter Allee 24, einer Immobilie der Berolina Häuserbau Actiengesellschaft. Als Immobilien spekulierende Akteurin im sogenannten Berliner Gründungsschwindel hatte sie einen Teil des eingesammelten Kapitals von einer Million Taler in Bauprojekte an der Frankfurter Allee investiert. Ob hier Wuchermieten wie andernorts kassiert wurden, ist nicht bekannt, wohl aber, dass Paul Riess nach ein paar Monaten in die Frankfurter Allee 40, später umnummeriert in 107, wechselte, einem 1873/74 von den Körtingschen Erben errichteten Neubau, der dann 1874/75 vom Schmied Marburg erworben wurde. Die männlichen Mieter waren tätig als Schneider, Schutzmann, Raschmacher, eine ausgestorbene Form des Wollwebens, Schaffner, Stellmacher oder Tapezierer. Möglich, dass der Wohnungswechsel durch kollegiale Beziehungen des Nagelschmieds Posch eingefädelt worden war, dessen Enkelkind Paul Riess ein Jahr zuvor als Taufpate beigestanden hatte.
Streifzüge durch die Mark Brandenburg lieferten Paul Riess Motive für heute zumeist verschollene Ölgemälde. Von 1880 bis April 1884 ließ er in Rudolph Lepke’s Kunst-Auctions- Haus rund 50 solcher Bilder versteigern, die in den im redaktionellen Teil der Vossschen Zeitung erscheinenden Versteigerungsnotizen teils genannt wurden. Der Auktionserlös finanzierte ihm Lebensunterhalt, Studienreisen, Künstlerbedarf sowie die anfallenden Gebühren für den im April 1882 aufgenommen Tagesunterricht an der Königlichen Kunstschule. Seine bevorzugten Sujets waren Dunkelthemen, vor allem Mondscheinlandschaften und Sonnenuntergangsmotive. Paul Riess traf den Kunstgeschmack des zahlenden Publikums und befriedigte eine wachsende Nachfrage nach Kunst, die mit der Anhäufung großer Vermögen in den Gründerjahren und einem in bürgerlichen Kreisen zunehmenden Wohlstand einherging.

Vorstädtisches Umfeld

Die noch gärtnerisch geprägte Gegend im Stralauer Quartier war gemäß dem Hobrechtplan von 1862 städtebauliche Erweiterungsfläche und lag verkehrstechnisch günstig, nur einen kurzen Fußweg entfernt vom 1866/67 errichteten Empfangsgebäude der Ostbahn, dem Berliner Ostbahnhof. Für die rund 150 Bahnkilometer ins heimatliche Fichtwerder standen Paul Riess mehrere Zugverbindungen der hochmodernen Königlich Preußischen Ostbahn zur Verfügung. Sie war auf geografi sch kürzestem Wege zweigleisig trassiert und führte von Berlin über Landsberg bis zum deutschrussischen Grenzort Eydtkuhnen in Ostpreußen. Aus seiner im 4. Obergeschoss gelegenen Wohnung in der Frankfurter Allee / Ecke Gubener Straße konnte der Blick noch über Felder und Wiesen schweifen. Im Frühjahr muss der Duft der sich östlich erstreckenden Georgeschen Hyazinthenfelder in der Luft gelegen haben. Südwestlich rückte bereits die Stadt mit Neubauten heran und droschen die Steinsetzer tagaus tagein die Katzenköpfe in das parzellierte Straßenraster. Dennoch verblieb die Nummer 107 für längere Zeit in Alleinlage. Stadteinwärts neben dem Grundstück lag eine Grünfläche, auf der die Weber des Viertels ihre Erzeugnisse zum Trocknen ausbreiteten, die Weberwiese. Die Frankfurter Allee hatte nur hin und wieder einen befestigten Bürgersteig und über die breiten wasserund schlammgefüllten Gräben führte ein aus Brettern roh zusammengefügter, geländerloser Steg. Die vierfache Reihe alter Linden war zum Teil abgestorben. Stadteinwärts verkehrte in zehnminütigen Abständen der Pferde-Omnibus der Linie 30.

Im Atelier für Landschaftsmalerei von Hermann Eschke | Aus: Locis Corinth: Das Leben Walter Leistikows, Berlin 1910, S. 13
Im Atelier für Landschaftsmalerei von Hermann Eschke, undatierte Aufnahme, ca. 1883/84. Mittig sitzend der rund achtzehnjährige Leistikow. Könnte es sich bei einem der beiden Männer links sitzend und an der Tür stehend um Paul Riess handeln? / Aus: Locis Corinth: Das Leben Walter Leistikows, Berlin 1910, S. 13. /

Schon damals gab es eine Kreativbranche

Paul Riess arbeitete im erlernten Beruf des Stuben- und Dekorationsmalers. Abends und sonntagvormittags bildete er sich an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbe-Museums weiter, besuchte Kurse im Zeichnen mit Schwerpunkt auf das Entwerfen von Ornamenten. Zeitgenössische Kritiker bemängelten, dass die Ausbildung nur das Ziel hätte, praktisch leistungsfähige Dekorationsmaler vor allem in Hinblick auf die massenhaft anstehenden Innenraumgestaltungen eines boomenden Berliner Immobilienmarktes abzurichten. Ungewiss ist, ob Paul Riess die dreijährige Ausbildung tatsächlich beendete. Um 1878/79 arbeitete er für ein Jahr in einer 1852 vom Lithografen Julius Loeillot de Mars gegründeten Stein- und Kunstdruckerei. Der Betrieb lieferte qualitativ hochwertige Abbildungen zum Beispiel für das auf die architektonische Entwicklung Berlins und der Potsdamer Kultur- und Schlösserlandschaft fokussierte Architektonische Skizzen-Buch und verlegte Prachtbände zu den unterschiedlichsten Sujets.

Frankfurter Allee | Quelle: Plan von Berlin, Maßstab im Original 1:20.000, aus: Bibliographisches Institut, Meyers Reisebücher. Nord-Deutschland Östlicher Theil, Leipzig 1877.
Stadträumliche Situation der Frankfurter Allee 107. / Quelle: Plan von Berlin, Maßstab im Original 1:20.000, aus: Bibliographisches Institut, Meyers Reisebücher. Nord-Deutschland Östlicher Theil, Leipzig 1877. /

Erfolg und Weiterreise

Das Seminar für Zeichenlehrer an der Königlichen Kunstschule brach Paul Riess vorzeitig ab, da er sich in dieser Zeit bereits als Künstler mit Berufung zur Landschaftsmalerei begriff. Im Sommer 1881 wurde sein malerisches Talent von der Königlichen Akademie der Künste anerkannt und sein Bild „Mondnacht, Motiv aus der Mark“ zu deren 55. Kunstausstellung zugelassen. Im Laufe des Jahres 1883 wurde er Schüler in der hoch angesehenen und ältesten privaten Malschule Berlins, dem 1855 von Hermann Eschke gegründeten Atelier für Landschaftsmalerei. Hier konnte er seine Kenntnisse in der Darstellung von Lichtphänomenen vertiefen, für deren Virtuosität er in späteren Jahrzehnten bekannt werden sollte.
Im Frühjahr 1884 verließ Paul Riess Berlin und studierte an der Großherzoglichen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar Malerei bei Professor Theodor Hagen. Hier lockte das individuelle Ausbildungsversprechen, den Schülern freie Hand zu lassen; das „Neue“, mit Pleinair und beginnendem Impressionismus im Gegensatz zur „alten“ akademischen Atelier-Malweise. In den Jahren 1888/89 wohnte Paul Riess in Dachau/München und bis 1891 in Lübeck. Ob und wo er seinen Militärdienst ableistete, ist nicht bekannt. 1893 wurde er in Weimar zum Professor ernannt. 1896 siedelte er mit Ehefrau Helene und den Töchtern Eva, Lotte und Annemarie nach Dessau über, wo er schnell zu einer festen Künstlergröße avancierte. Er gilt heute als der bedeutendste Landschaftsmaler zum Ende des 19. und Anfang 20. Jahrhunderts in Anhalt.

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