Großberliner Margarine-Fabrik | Quelle: SED-Propagandaschrift

Fettig

Die MM war in der NS-Zeit sehr erfolgreich. Vom britischen Unternehmen Unilever unterstützt, errang die Firma nach dem Krieg zunächst eine Monopolstellung. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-R68085
Die MM war in der NS-Zeit sehr erfolgreich. Vom britischen Unternehmen Unilever unterstützt, errang die Firma nach dem Krieg zunächst eine Monopolstellung. / Quelle: Bundesarchiv Bild 183-R68085 /

Margarine in dunklen Zeiten.

Von

Im Sommer 1946 verkündeten viele Zeitungen eine gute Neuigkeit: „Erfreulich ist es, dass die Märkische Margarine Fabrik in Berlin-Grunewald als erster Berliner Betrieb mit der Herstellung von Margarine beginnt. Aus den Grundstoffen Rapsfett und Rindertalg gefertigt, werden bei der MM pro Stunde fast eineinhalb Tonnen Margarine in Würfel gepackt und ausgeliefert.“

Gute Verbindungen

Fabrikchef war der 47-jährige Karl Oberjat. Als Generalvertreter war er im Alter von 22 Jahren in den Margarinehandel eingestiegen. Er spekulierte mit Aktien und erwarb 1933 über einen Strohmann Firmenanteile an der MM. Zwischen 1933 und 1937 erzielte Oberjat aus dem Verkauf von Brillanten und Edelsteinen, die er von jüdischen Geschäftsleuten übernahm, hohe Gewinne und investierte sie in Grundstücke, die er zu günstigen Preisen jüdischen Inhabern abkaufte. 1943 verfügte er über ein Privatvermögen von umgerechnet vier Millionen Euro.
Nach Kriegsende profitierte seine Fabrik von ihrer Lage im britischen Sektor. Sie war mit den Vereinigten Ölfabriken Hubbe & Fahrenholz verbunden, die ihren Sitz in der britischen Zone hatten und vom britischen Unilever-Konzern mit Hartfetten beliefert wurden. Auf Anweisung der britischen Militärregierung durfte nur die MM diese Grundstoffe empfangen. Ende 1945 war Oberjat im Besitz eines Interzonenpasses. Für die Westberliner Geschäftsleute war er ein wichtiger Netzwerker. Er konnte mit deutschen Dienststellen verhandeln und uneingeschränkt in der britischen und der sowjetischen Zone reisen, was vielen deutschen Geschäftsleuten erst 1947 erlaubt war.

Großberliner Margarine-Fabrik | Quelle: SED-Propagandaschrift
Die Großberliner Margarine Fabrik, vormals Wiesner, lieferte in der Hauptstadt beste Margarine an. / Quelle: SED-Propagandaschrift /

Produkte

Im Februar 1946 hatte die MM den sowjetischen Sektor mit über 200 Tonnen Margarine zu beliefern. Herr Hörnemann war für Friedrichshain zuständig. Als Fahrer erhielt er pro Tour 15 Kilo extra, die er zur Kompensation gegen Gemüse und Kartoffeln an die Lebensmittelhändler verkaufen sollte. Da die Ladenkunden bei den Pfundwürfeln der MM Untergewichte bis zu 20 Gramm bemängelten, kam Unmut auf. Um Abzweigungen zu verhindern, regte SED Bezirksrat Lachotzky vom Ernährungsamt Schöneberg an, dass statt fester Mengen jedes Geschäft nur so viel Ware geliefert bekommen sollte, wie es Lebensmittelmarken an das Großberliner Haupternährungsamt zurückgab. Aber gegen die Margarine-Untergewichte war sein Amt genauso machtlos wie das Friedrichshainer Ernährungsamt, das von Hermann Spangenberg geleitet wurde. Die Gründe dafür lagen beim Haupternährungsamt in der Wallstraße. Oberjat fuhr dort regelmäßig mit einem großen Karton Margarine vor, ging in die Büros spezieller Beamter und legte jedem einen Würfel zur „Untersuchung der Qualität“ auf den Schreibtisch. Ob in Ost- oder Westberlin, er belieferte „seine“ Dienststellen. Schickte das Haupternährungsamt Prüfer in die Fabrik, so erhielten diese ein Kilo Margarine als Wegzehrung.

Wechselseitig

Da die MM aus der britischen Zone wertvolle Hartfette bezog, aber erhebliche Produktionsverluste zu melden hatte und die Margarine mit Sirup, Wasser und Farbe auffrischte und sie so zu einem hohen gegensubventionierten Abgabepreis an den Großhandel und die Berliner Bezirksernährungsämter ging, erlaubte der Magistrat im Frühjahr 1948 der Fabrik Wiesner in der Auguststraße die Margarineproduktion. Als Referenz für die Leistungsfähigkeit der MM zog die Hauptprüfungsstelle des Gesamtberliner Magistrats die Unterlagen der Fabrik Wiesner heran.

Befehle

Im Juli 1948 erließ die sowjetische Kommandantur einen Befehl, der allen Bewohnern der Westsektoren die Anmeldung ihrer Lebensmittelkarten in den Geschäften des sowjetischen Sektors ermöglichte. Zuständig war eine Sonderabteilung im Haupternährungsamt, die unter der Ägide von Hermann Spangenberg vom Ernährungsamt Friedrichshain stand. Er hatte sich um sowjetische und andere Lebensmittellieferungen zu kümmern. Er gab die Anweisung, dass an Orten wie der Warschauer Straße Geschäfte zu eröffnen wären, die nur Westberliner Einkäufern offen stünden.

Kurt Oberjat | Quelle: Ermittlungsakten zum Prozess gegen Oberjat
Kurt Oberjat war eng mit der Westberliner Geschäfts- und Politikwelt verfilzt. Besichtigungen seiner Fabrik wurden zu Events. / Quelle: Ermittlungsakten zum Prozess gegen Oberjat /

Austausch

Die politischen Wellen der Blockade schlugen hoch und der Großberliner Magistrat ordnete an, dass zum „Schutze der Wirtschaft des Ostsektors und der Ostzone zum Transport von Waren aller Art über die Sektorengrenzen“ ab dem 10. November 1948 Freigabescheine erforderlich sein sollten. Sie mussten die Unterschriften und Dienstsiegel aller zuständigen Leiter im Haupternährungsamt tragen. Um „betrügerische Transporte zu verhindern“, wurden Kontrollpunkte eingerichtet. Der Friedrichshainer Kontrollpunkt war das Polizeirevier 87 am Schlesischen Bahnhof. Vor diesem Hintergrund fädelte Oberjat im September 1948 ein Tauschgeschäft mit der Firma Wiesner ein. Für eine „gute“ Margarine, die wenig später in den HO-Läden im Angebot stand, brauchte sie hochwertige Hartfette, die der MM zustanden. Die Märkische Margarine benötigte für ihre offizielle wie inoffizielle Massenware billige Pflanzenöle von Wiesner. Dank vieler Stempel kam dieser Deal zustande. Nun ging die Ware der MM vom Schlesischen Bahnhof aus bis nach Sachsen und die „gute“ Margarine an Westberliner, die bei der HO einkauften. Für die meisten Friedrichshainer war sie zu teuer.

Interna

Im November 1954 tobte in Westberlin der Wahlkampf. Im SPD-nahen Telegraf tauchten neben Berichten über den hohen Wassergehalt der märkischen Margarine Details auf, die in der Pension Uhlandeck am Kurfürstendamm Nr. 210, sie lag im Portfolio von Oberjat, zutage traten. Wegen des Verdachts auf gewerbsmäßige Kuppelei ließ Kriminaldirektor Link hier eine Razzia durchführen. Die Beamten stießen im „Speisezimmer“ auf einen Filmprojektor, der „Das Leben einer Schauspielerin“ zeigte, der aus „sumpfigen obszönen Darstellungen“ bestand. Eine Beschlagnahme war nicht möglich. Plötzlich trat aus dem „Fremdenzimmer“ ein Herr im Pyjama zu den Beamten. Mit barschen Worten jagte Herr Polizeipräsident Stumm seine untergebenen aus dem Haus. Oberjat nutzte das nichts. Während Wiesner als VEB-Betrieb weiterhin „gute“ Margarine produzierte, stand Oberjat 1956 in Westberlin wegen Steuerhinterziehung und Betrugs in großem Stil vor Gericht.

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