Ausflugsdampfer in Stralau | Quelle: Postkarte

Auf der Spree

Dampfer-Routen von 1936 | Quelle: Werbebroschüre
Längere Dampfertouren waren ein Kurzurlaub in die Umgebung Berlins.
/ Quelle: Werbebroschüre /

Ausflugsschiffe und Friedrichshain.

Von

„Alt-Stralau, wir fuhren zumeist mit den kleinen Dampfern von der Jannowitzbrücke aus dorthin. Schon das Einsteigen war vergnüglich,“ wusste Adolf Heilborn seiner Leserschaft zu berichten und schrieb 1880: „An der hölzernen, klapperigen Jannowitzbrücke stand auf wackeligen Pfählen ein kleiner Pavillon, eher ein Taubenhaus. Von diesem führten Querlatten, die zum Stolpern verführten, in eine im Innern völlig dunkle Gleitbahn, die auf eine Schiebebrücke zeigte. Von dieser gelangte man aufs Schiffverdeck.“ Von weiteren Abenteuern wusste Heilborn: „Vor jeder Brücke wurde der Schornstein umgelegt, von jeder Brücke spuckten Jungens runter.“ Heilborn ärgerte sich über die flachen Transportkähne, die Zillen. Sie waren ständig auf den Berliner Gewässern unterwegs, um die Stadt mit Lebensmitteln oder Baumaterial zu versorgen: „Zillen voll Kalk sperrten die Fahrstraße.“ Heilborn war amüsiert von der Schwimmschule des Ernst von Pfuel: „Bei Pfuel sprangen die Badeengel ins Wasser“. Pfuel gründete 1817 in Sichtweite zum Oberbaum, dem schwimmenden Teil der Zollmauer, eine „Schwimmbadeanstalt“, wo das Brustschwimmen gelehrt wurde. Ein „Diplom der Schwimmkunst“ erhielt, wer schwimmend die Spree „einmal hin und her“ überwand. Doch zurück zur Dampferflussfahrt des Adolf Heilborn: „Es gab immer was zu sehen, zu lachen und zu schimpfen. Nur wenige Häuser standen längs der Ufer, dafür Schiffswerften, auf denen Zillen gezimmert, kalfatert, gestrichen wurden. Tabberts Mörtelwerk, mit seinem weißgrauen Staub ein charakteristischer Fleck im nicht gerade anmutigen Landschaftsgebilde, Wiesenflächen, Weideland: Hier kann Schutt abgeladen werden. Und endlich kam dann Stralau und Tübbecke, wo die Dampfer anlegten. Worauf Heilborn anspielte war, dass die Spreeufer hinter der schnellen industriellen Entwicklung der Innenstadt zurückgeblieben waren, als Wilhelm II. 1896 eine Flussfahrt nach Treptow unternahm, wurden ihm Transparente entgegengehalten, die diesen Mangel beklagten.

Tourismus und Dampfer | Quelle: Werbebroschüre
Zielorte entwickelten sich zu kleinen touristischen Hotspots. / Quelle: Werbebroschüre /

Reisen in der Stadt auf dem Wasser

Das idyllische Gartenlokal von Tübbecke auf Stralau war seinerzeit eine gemächliche Reise wert. Eine Strompolizei wachte von der Jannowitzbrücke bis Grünau darüber, ob eine Geschwindigkeit von 7,5 Stundenkilometer auf der Wasserstraße und unter den Brücken von einem Meter per Sekunde eingehalten wurde. Die Dampferfahrten nach Stralau hatten bereits Tradition. Im August 1846 kaufte die Preußische Seehandlung für 31.500 Francs, ein niedliches Dampfboot von nur 12 Zoll (ca. 30 cm) Tiefgang „um es auf seichten Flussstrecken“ einzusetzen. Nach langen Genehmigungsverfahren veranstaltete im August und September 1859 die Reederei Kretschmer & Comp Fahrten von der Stralauer Brücke bis zur Halbinsel Stralau, gar bis nach Köpenick. Am 22. Februar 1864 genehmigte die Polizei die Einrichtung eines Anlegers in Form eines 24 mal 2,7 Meter großen Floßes an der Jannowitzbrücke. Die „Johanna“ des Berliner Dampfschiffvereins bot 120 Passagieren Platz. Sie war mit zwei „möblierten Kajüten“ ausgestattet und brach am 27. März 1864 zu einer Tour nach Alt-Stralau auf, kreuzte dann zum Treptower Ufer und schipperte bis Köpenick. Ein zweites Schiff der Reederei war die „Stralau“, ein drittes die nach einer Stralauer Kneipe benannte „Taverne“. Vom März 1865 an wurden die Fahrten regelmäßig durchgeführt. Bei günstigem Wetter fuhr man ab Februar. Die Dampfer verweilten nur kurz an ihren Zielorten. Es kam vor, dass verspätete Gäste am Ort blieben, so im Schöneweider Kaffeehaus, wo der Wirt Schlafstellen bis zur Wiederkehr der Dampfer einrichtete. An den ferneren Endpunkten der Dampfertouren entstanden daraufhin kleine Tourismuszentren. In der Saison 1872 zählte man über eine halbe Million Fahrgäste, von denen viele die Gelegenheit für einen Kurzurlaub nutzten, selbst wenn dieser nur eine Nacht und einen Morgen dauerte. Im September 1885 fuhr alle zwei Stunden ein Dampfer von der Jannowitzbrücke nach Stralau. Eine Fahrt von 80 Minuten zum Preis von 30 Pfennigen in der Woche und 40 Pfennigen am Wochenende. Obwohl nicht billig, war dieser Trip beliebt, und auf Nachfrage fuhr bei schönem Wetter alle halbe Stunde Nachmittags um 15 Uhr ein Dampfer bis nach Stralau.

Historische Anzeige für Eisbrecherfahrten, dem einzigartigen Dampfer | Foto: Werbebroschüre
Die Winterfahrten waren schon vor dem ersten Weltkrieg beliebt, sie boten das Abenteuer auf Eisbrecherfahrt zu sein. / Foto: Werbebroschüre /

Viele Kleine

Albert Halle arbeitete sich vom Lehrling bis zum Schiffsbaumeister bei der Stralauer Schiffswerft Bergmann & Westphal hoch. Dann fasste er den Entschluss, eine Reederei mit Sitz am Markgrafendamm 29 zu gründen. Seine Reederei verfügte in den 1920er Jahren über 2 Fähren, die Gäste vom Flußbad Lichtenberg nach Stralau und von dort nach Treptow brachten. Die „Loreley“, das größte seiner 5 Motorschiffe, bot 130 Gästen Platz. Die „Anna“, die „Fridolin“ und die „Delfin“ befuhren von der Schillingbrücke aus die Spree und Dahme. Die Reederei „Halle“ gehörte der Fahrgemeinschaft Oberspree an, die sich einen Anlegeplatz am Kreuzberger Gröbenufer, direkt vor der Oberbaumbrücke, teilte. Die Reederei Max Pohl, Wühlischstraße 31, gehörte dieser Gemeinschaft an, hatte zwei Schiffe im Angebot, von denen die „Rheingold“ mit 140 Sitzplätzen 1928 auf der Werft Bergmann & Westphal gebaut wurde. Die Reederei Richard Kelch, Böcklinstraße 10, auch Teil der Gemeinschaft, ließ sich 1927 die 20 Meter lange „Stolzenfels“ für 170 Passagiere bauen, und fuhr mit der „Löcknitz” Ziele bis nach Erkner und darüber hinaus an. Nicht nur kleine Reedereien gehörten der Gemeinschaft an, sondern auch die Reederei Alfred Bauer die An der Schillingbrücke 1 ihr Hauptbüro hatte. Ihr größtes Schiff war die „Berolina” für 632 Gäste, neben dem „Friedrich dem Großen“, für 400 Gäste und vier anderen Ausflugsschiffen. Manche der alten Ausflugsschiffe überstanden die Kriegs- und Nachkriegswirren und stehen unter anderen Namen immer noch im Dienst. Als im März 1990 zum ersten Mal nach dem Mauerbau ein Schiff der weißen Flotte die Oberbaumbrücke unterquerte, war der Weg frei für eine Anlegestelle am Friedrichshainer Ufer mit Zugang zur East Side Gallery.

Ausflüge auf dem Dampfer | Quelle: Postkarte ca. 1910
Ein Ausflugsdampfer vor Stralau um 1910 (Postkarte).

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