Otto Nuschke bei der Parteiversammlung | Quelle: Bundesarchiv Bild 183-26500-0006 Foto: Wocka

Otto Nuschke und die Oberbaumbrücke

Otto Nuschke bei der Parteiversammlung | Quelle: Bundesarchiv Bild 183-26500-0006 Foto: Wocka
Otto Nuschke war einst von der Idee einer klassenübergreifenden „Volksherrschaft“ begeistert und wurde zum Verbündeten der SED. / Quelle: Bundesarchiv Bild 183-31153-0002 Foto: K.A. /

Otto Nuschke und die Oberbaumbrücke.

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Am 17. Juni 1953 kamen Volkspolizisten am Stützpunkt Oberbaumbrücke gegen eine wütende Menschenmenge in Bedrängnis und zogen sich um 11.25 Uhr aus ihrer Postenbaracke in das Kühlhaus der Behala am Osthafen zurück. Eine Stunde später brannte die Unterkunft der Zollkontrolle. Um 13.05 Uhr meldete der Polizeibericht: „An der Oberbaumbrücke wird von den Demonstranten jeder vorbeifahrende Pkw demoliert. Die Wagen werden zum Teil in den Westsektor geschoben.“
Otto Nuschke, Stellvertretender Ministerpräsident der DDR, war in dieser Zeit auf dem Weg zu einer Sitzung. Kurz vor der Kreuzung Warschauer Straße/Oberbaumbrücke wurde das Auto von Demonstranten angehalten. Einige Protestierer setzten sich auf die Motorhaube, der Fahrer steuerte den Wagen langsam weiter. Wie die SED-Propaganda behauptete, waren es Westberliner. Nach internen FDJ-Dokumenten waren es jedoch wesentlich mehr FDJler, die mit dem Kurs der SED unzufrieden waren. Von Umstehenden wurde Nuschke erkannt.

Verschleppung?

Laut Polizeibericht entstand gegen 14.50 Uhr um dieses und andere Autos herum ein großes Gedränge. Dutzende Personen schoben Nuschkes Fahrzeug über die Oberbaumbrücke auf die Kreuzberger Seite. Westberliner Polizei­angehörige bildeten eine Kette. Sie geleiteten das Auto in die Schlesische Straße. Vor dem dortigen Polizeirevier 109 spielten sich tumultartige Szenen ab, alle Insassen wurden aus dem Auto gezerrt. Die Polizisten brachten Nuschke in Sicherheit. Die Menge vor dem Gebäude drohte, es zu stürmen. Erst jetzt wurde den Polizisten bekannt, wen sie in Gewahrsam haben. Getarnt brachten sie Nuschke in die Westberliner Polizeizentrale Friesenstraße. Für Journalisten eine Sensation, die fragten: „Herr Nuschke, wie sind Sie nach Westberlin reingekommen? Nuschke: „Nach Westberlin? Ich wurde geraubt! Mein Auto wurde aus dem Ostsektor von einer erregten Menge Westberliner nach Westberlin geschleppt“, Reporter: „Wie beurteilen Sie die Lage in Ostberlin? Günstig oder ungünstig? Weil viele Leute einsehen…“, Nuschke: „Was sehen viele Leute ein…“, Reporter: „Weil viele Leute einsehen, daß das Irrsinn ist, was gemacht worden ist“, Nuschke: „Sie meinen die Normenerhöhungen in der Ostzone? Die sind längst rückgängig gemacht worden.“

Angebot?

Er wurde der amerikanischen Besatzungsbehörde überstellt, worauf Botschafter Sewjonow beim amerikanischen Hochkommissar gegen das Festhalten von Nuschke protestierte. Amerikanische Botschaftsangehörige suchten das Gespräch mit Nuschke. Sie unterbreiteten den Vorschlag zur Gründung einer Exilregierung. Nuschke lehnte empört ab: „Was glauben Sie denn, wen Sie vor sich haben. Sie haben es mit dem Stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR und nicht mit irgendeiner ihrer Marionettenregierungen zu tun!“ Er drohte mit Hungerstreik. Daraufhin wurde er wieder in die Friesenstraße gebracht. Am 19. Juni brachten ihn zwei CIA-Leute zum Grenzübergang Prinzenstraße. In Ostberlin wurde er von der Presse als Held gefeiert. Intern war bekannt: er glaubte, die Ereignisse des 17. Juni 1953 würden die SED-Führung zur Abkehr vom Stalinismus verleiten.

Otto Nuschke auf dem CDU-Partteitag | Quelle: Bundesarchiv Bild 183-26500-0006 Foto: Wocka
Otto Nuschke (links) mit Gerald Götting (rechts). Götting war von 1949 bis 1990 Volkskammerabgeordneter. / Quelle: Bundesarchiv Bild 183-26500-0006 Foto: Wocka /

Patriot?

Otto Nuschke trat nach dem ersten Weltkrieg für eine klassenübergreifende „Volksherrschaft“ ein und betonte: „die ältere Demokratie erschöpfte sich in politischen Forderungen“. Wie manche Politiker und Unternehmer der zwanziger Jahre kam er zu der Meinung, das Russland und Deutschland allein von ihrer geschichtlichen Entwicklung her zur wechselseitigen Unterstützung verpflichtet wären. Er gründete in der NS-Zeit einen illegalen Kreis, um jüdische Freunde und in einem Arbeitslager gefangene Frauen mit Lebensmitteln zu versorgen. 1946 gehörte er zu den Gründern der CDU in Ostdeutschland und hielt der SED entgegen: „Wenn wir von der führenden Rolle der Arbeiterklasse sprechen, so sagen damit wir gleichzeitig aus, daß der Aufbau des Sozialismus nicht das Werk der Arbeiterklasse und ihrer Partei allein sein kann, sondern daß die Zusammenarbeit aller Patrioten für die Erfüllung dieser großen Aufgabe notwendig ist.“

Partner?

Als die SED die „Volkskongressbewegung“ initiierte, schrieb Nuschke im Januar 1948: „Die CDU ist bestrebt, in Zusammenarbeit mit allen anderen antifaschistisch-demokratischen Parteien und Organisationen für die Einheit eines demokratischen Deutschlands, eine einheitliche deutsche Währung, den baldigen Abschluss eines Friedensvertrages und eine von einer Nationalversammlung gewählten Zentralregierung einzutreten.“ Über diese indirekte Zustimmung zur SED-Politik erreichte er eine Teilamnestie von politischen Häftlingen im Herbst 1948. Als Vertreter „bürgerlicher Kräfte“, wurde er nach Gründung der DDR zu einem von drei Stellvertretern des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl ernannt. Das hinderte Nuschke 1950 nicht darin, im Hinblick auf den von Stalinistischer Willkür bestimmten „Waldheimprozess“ Rechtssicherheit in der DDR zu fordern.
Repräsentant?
Er verlor über die Einbindung in die Regierungsverantwortung der DDR bei vielen west-demokratisch eingestellten CDU-Mitgliedern sein Ansehen und galt als „wortbrüchig und unzuverlässig“. Zeigte sich die sowjetische Militärverwaltung unmittelbar nach 1945 „bürgerlich-christlichen Kreisen“ gegenüber noch aufgeschlossen und versuchte sie als Bündnispartner zu gewinnen, orientieren sich Kirchenverantwortliche um 1948 eher an der Politik der Westzonen. Um keine Untergrundarbeit zu fördern und eine offene Auseinandersetzung zu vermeiden, war Otto Nuschke der geeignete Partner für die SED. Er stand für die Koexistenz von Materialismus und Christentum. Nach dem 17. Juni 1953 verschärfte die SED ihren Kurs gegenüber allen „bürgerlichen Kräften“, Otto Nuschke wurde geehrt, Reden und Wortbeiträge gedruckt, doch Einfluss auf die Tagespolitik der DDR hatte er nicht mehr. Verständnis fand er bei den „linken“ Kräften der West-CDU um Gustav Heinemann, der die von Adenauer betriebene Westintegration ablehnte und gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik auftrat.

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