BOXI BARRÉ | Foto: Giovanni Lo Curto

Boxi brennt – Swing aus dem Südkiez

BOXI BARRÉ | Foto Giovanni Lo Curto
Es kann losgehen BOXI BARRÉ zum Auftritt bereit. / Foto Giovanni Lo Curto /

Die Mitglieder des Trios BOXI BARRÉ.

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Im Fotostudio „frischefotos” im ehemaligen Beamten-Wohnhaus auf dem RAW-Gelände treffe ich Heiko „Heat“ Marquardt, der gerade noch eine Kundin verabschiedet, als die beiden anderen Musiker von BOXI BARRÉ eintreffen. Die Räume haben den unverwechselbaren Charme der 1990er Jahre: unverputzte Wände mit Resten ehemaliger Ölanstriche, zusammengesuchtes Mobiliar, eine Espresso-Maschine auf einem der vollgestellten Regale. Irgendjemand sollte einmal das Innere dieses Gebäude in 3D dokumentieren, um den Heranwachsenden zu zeigen, in welcher Umgebung Kreativität entstand – und entsteht. Hier probt BOXI BARRÉ. Alle drei Musiker haben höchst unterschiedliche Lebensläufe, die sich jedoch in einem ähneln, nämlich in der Konsequenz, mit der sie jeweils ihren künstlerischen Weg gingen.

Klassische Ausbildung

Noch vor dem Interview streift das Gespräch zufällig den Alt-Berliner Song „Zickenschulzes Hochzeit”. Dabei stellt sich heraus, dass der Gitarrist Marcus Werner den Text auswendig kann. „In der Schule sollten wir einmal eine Ballade vortragen. Fast alle hatten sich ‚John Mehnert‘ von Theodor Fontane ausgesucht. Als ich erfuhr, dass sich ein Klassenkamerad genau für die Ballade entschieden hat, die ich mir ausgewählt hatte, beschloss ich über Nacht, den Zickenschulze zu nehmen.” Marcus, aufgewachsen in Berlin Mitte, ist jüngstes Bandmitglied und war von 1987 bis 1994 als Kinderdarsteller und -sänger an der Komischen Oper. „Eigentlich wollte ich Gitarre spielen lernen, doch die Musikschule wies mich zurück, weil meine Hände noch zu klein waren. Meine Mutter zeigte mir darauf ein Inserat der Komischen Oper, in dem stand, dass sie Nachwuchs benötigte.“ Was er dort an Gesang und Instrumenten gelernt hat, war eine überaus wichtige Grundlage. „Ich hätte dort wahrscheinlich eine richtige Karriere machen können. Aber mit dem Stimmbruch hatte ich nur noch Rock’n’Roll im Kopf.“ Seit der siebenten Klasse spielte er immer in Bands. Bekannt sind die schrägen Bilder in der Galerie Morgenrot in der Mainzer Straße, an der er mitbeteiligt ist. Zudem ist er Inhaber der ebenfalls in der Mainzer Straße ansässigen Coffein-Centrale.

Heiko Heat | Foto: David Beecroft
Heiko Heat – 2017 im RAW „Hinterm Haus“. / Foto: David Beecroft /

Musik mit deutschen Texten

Heiko Heat Marquardt ist Friedrichshainer – mit ein paar Unterbrechungen. Sein Interesse galt schon früh Songs mit deutschen Texten. „Zuerst war es natürlich Udo Lindenberg, der mich prägte. Dann hörte ich einmal den letzten Rest des Rauchhaus-Songs von Ton Steine Scherben auf einem Magnetband. Das faszinierte mich so sehr, dass ich anfing, den Text nach eigenen Vorstellungen zu vervollständigen, ohne dass ich überhaupt wusste, worum es dabei ging. Ich glaube, dass ich heute noch alle Songs von Rio Reiser mitsingen kann.” Zusammen mit einem Kollegen erreichte er in der DDR sogar eine Einstufung, als – wie es seinerzeit hieß: Solisten-Gruppe. Ohne eine solche Einstufung durfte man nicht auftreten. Das Duo nannte sich „Sebastian Sengewald und Dr. Karsten Kössler.” Der Song ‚An einem Sonntag in Berlin‘ mit Heikos markanter Stimme wird manchmal noch gespielt. „Meine Tochter war mal ganz happy, als sie diesen auf einem Festival gehört hat: ‚Das ist von meinem Vater!’” Heiko gehörte zu denen, die in den 1980er Jahren eine Marktlücke entdeckten, Klamotten schneiderten und an der Ostsee an Touristen verkauften. „Man konnte damals sehr gut leben davon. Ich habe das Zeug selbst genäht und mitunter bis zu zwei Schneiderinnen beschäftigt.”

Flucht im Kofferraum

Im Sommer 1989 trat in seinem Leben eine unerwartete Wendung ein. „An der Weißenseer Kunsthochschule lernte ich Paola Telesca kennen, eine Künstlerin, die heute eine Galerie in Pankow betreibt. Sie lebte damals im Westteil der Stadt, arbeitete als Studentin in der kolumbianischen Botschaft in Ostberlin und war sehr an der Ostberliner Szene interessiert. Sie sagte mir, diese Schule sei nichts für mich, sie würde mich vereinnahmen. Im Nachhinein bin ich auch froh, nicht in der DDR studiert zu haben.” Paola brachte Heiko im Kofferraum ihres Autos über die Grenze nach Westberlin. Heiko wohnte in Westberlin bei Paola und verfolgte gebannt am Fernseher das Geschehen im Ostteil der Stadt. Mit Renovierungsarbeiten in einem Café in der Kantstraße hielt er sich über Wasser. Als Ende Oktober 1989 in der DDR der Straftatbestand der Republikflucht aufgehoben wurde, traute er sich auch wieder in den Ostteil der Stadt. Das war am 9. November 1989, am Tag des Mauerfalls. Mit Paola Telesca verbindet Heiko bis heute eine innige persönliche und auch künstlerische Freundschaft. Nach 1990 hatte er viele Jahre im Kunsthaus Tacheles gearbeitet und schließlich auf dem RAW-Gelände seine Existenz als Fotograf aufgebaut.

Segewald und Dr. Kössler 1994 im Tacheles Skulpturenpark | Foto: Segewald & Kössler
Segewald und Dr. Kössler 1994 im Tacheles Skulpturenpark. / Foto: Segewald & Kössler /
Bernd Kuchenbecker im Jahre 1999 im Trio „Nighttrain“ | Foto: Nighttrain
Bernd Kuchenbecker 1999 im Trio „Nighttrain“ – Gewinner des 1. Berliner Jazz & Blues Award.
/ Foto: Nighttrain /

Tiefe Töne aus dem Westen

Von der Westseite her lernte der Bassist Bernd Kuchenbecker die Stadt kennen. „Ich wollte schon immer Bass spielen. Als mir meine Eltern eine Wandergitarre schenkten, habe ich mich vor allem mit den beiden tieferen Saiten befasst.” Er zog aus Lichtenrade nach Kreuzberg und begann Bass zu spielen. „In Westberlin gab es damals nur wenig Bassisten“, sagt er. „Ganz anders als heute. Wir kannten uns untereinander und vermittelten uns gegenseitig für unterschiedlichste Auftritte: Jazz, Blues, Bebop. Das war eine sehr gute Schule.“ Als die Mauer fiel, entdeckte er die vielen Clubs im Osten der Stadt. Damals lernte Bernd auch das typisch ostdeutsche Konzept Konzert mit anschließender Disko kennen. „Das fand ich interessant. Ins Kreiskulturhaus Treptow kamen zu unsern Jazz-Sessions viele junge Menschen. Sie erscheinen zwar erst zu etwas fortgeschrittener Zeit, aber immerhin. Schließlich merkte ich, dass sie eigentlich nur zur Disko wollten, die nach uns anfing. Aber es war trotzdem okay.“ Bernd studierte von 1992 bis 1996 an der Hochschule für Musik Hanns Eisler im Bereich Tanz- und Unterhaltungsmusik. Dass sich die ambitionierten Leute mit gleichen Interessen irgendwann über den Weg laufen, ist in Berlin kein Naturgesetz. Hier aber scheint es geklappt zu haben. Kuchenbeckers Musik war für Heiko schon viele Jahre etwas ganz Besonderes. Als es sich vor etwa einem Dreiviertel Jahr traf, dass sie zu dritt für BOXI BARRÉ auf einer Bühne standen, beschlossen sie weiter zu machen. „Inzwischen befindet sich eine EP mit vier Songs in Produktion. Wenn die raus ist, Ende Sommer, dann soll es eine große Südkiez-Tour geben“, kündigt Heiko an. Auf ihrer Homepage heißt es: „Bekämen 20er Jazz und 80er Punk in Berlin ein Kind, es hätte einen Namen: BOXI BARRÉ“. Zurecht: Ohne die musikalische Erfahrung der achtziger und neunziger Jahre wäre ihr Sound nicht denkbar. Hingehen!

www.boxibarre.de

BOXI BARRÉ Plattencover
Plattencover und Flyer / Foto: BOXI BARRÉ /

 

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