Jutta Langer | Foto: Giovanni Lo Curto

Ich kannte alle Tanzlokale in der Gegend

Jutta Langer | Foto: Giovanni Lo Curto
/ Foto: Giovanni Lo Curto /

Jung geblieben

Offenbar hat sich Frau Langer ihre lebendige Sprache von den jungen Leuten abgehört. Abgesehen vom Berlinischen, in dem wir die Unterhaltung führen, benutzt sie auch so relativ moderne Wörter wie „cool“ und „locker“ ganz selbstverständlich, so dass man meint, eine viel jüngere Frau sitze einem gegenüber. Und sie hat trotz aller Entbehrungen auch Spaß gehabt: „Ich kenne alles in Friedrchshain, auch die Tanzlokale, die es längst nicht mehr gibt!“ Sie beginnt aufzuzählen: „Das Mainzer Eck an der Mainzer Straße, Ecke Frankfurter Allee, das Café Reni am Ringbahnhof, Haus Berlin am Strausberger Platz, wo man ganz oben eine Tanzbar eingerichtet hatte, der Tokajer-Keller in Haus Budapest, wo immer ungarische Kapellen aufspielten und das Café Moskau. Da war ich mal mit meiner Tochter und die hat gefragt: ‚Gibt’s hier auch Bockwurst?‘ Da habe ich gesagt: ‚Nein, hier ist man fein!’“ Ihre Tochter hat übrigens studiert und ist berufstätig. Berlin hat Frau Langer mit dem Fahrrad erkundet. „Ich bin von Hohenschönhausen überall hin gefahren. Ich war immer unterwegs. Bin geschwommen, Schlittschuh gelaufen. Nur Skaten habe ich nicht gelernt.“ Wenn es ginge, würde sie es auch lernen wollen? „Na klar! Jetzt rächt sich aber, dass ich auch noch als ältere Kollegin immer die Kinder hoch und runter genommen habe. Gerade die dicken Pummelchen, die habe ich besonders geliebt!“ Unterwegs ist sie trotzdem. „Zum Beispiel gehe ich zum Boxhagener Platz, da treffe ich Bekannte und schaue, wo ich mal gewohnt habe. Aber der Gesundheitsminsiter Spahn müsste sich das mal ansehen, wie oft man mit so einem Rollator nicht weiter kommt. Dabei benutzen immer mehr Leute so eine Hilfe. Ich lese auch viel. Die Zeitung zum Beispiel oder dieses Journal hier.“ Sie zeigt mir eine bekannte Umwelt- Broschüre. „Schon die Bilder sind eine Wucht! Und dann schaue ich bis in die Puppen Fernsehen, weil es immer so interessante Sendungen gibt. Und ich höre Musik. Klassik, Pop, auch Techno. Das gefällt mir.“ Sie zeigt einen Aufkleber auf ihrem Rollator: ‚Zug der Liebe‘. „Da bin ich auch gewesen. Wir haben übrigens jetzt das Beethoven-Jahr. Da gibt’s bestimmt eine Menge schöner Konzerte.“ In Jutta Langer ist mehr Leben als als in manchen Jugendlichen.

Illustration | Foto: Privat
Eine Erinnerung an den Vater, der ein Händchen für das Zeichnen und die Kalligraphie hatte. / Foto: Privat /

 

 

 

 

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