Die Osthafenmühle | Quelle: Bundearchiv Bild 183-49068-0005

Getreide und Politik

Die Osthafenmühle | Quelle: Bundearchiv Bild 183-49068-0005
Die Osthafenmühle stand am Ende einer langen Tradition des Mühlenhandwerks am Friedrichshainer Spreeufer. Heute beheimatet das einzig verbliebene Gebäude des Geländes diverse Gastrobetriebe. / Quelle: Bundearchiv Bild 183-49068-0005 /

Weizen und Ideologie

Im August 1948 wurden Tausende Tonnen Weizen aus der Ukraine geliefert und im Osthafenspeicher sowie im Speicher Alt-Stralau eingelagert. Mit Blick auf die Westberliner Bevölkerung, sie litt wegen der Blockade unter Versorgungsschwierigkeiten, sollte auf Anweisung der sowjetischen Kommandantur dem Weizenmehl Hartweizen zugegeben werden, um die Brotqualität zu steigern. Die Grenze zwischen Ost- und Westberlin stand offen, etliche Kreuzberger nutzten die Möglichkeit, sich in Friedrichshain mit gutem Brot zu versorgen. Die Osthafenmühle war dem schwarzen Markt am Schlesischen Tor sehr nah und Tauschgeschäfte von Lebensmitteln gegen Wertgegenstände an der Tagesordnung. 1948 waren der Leiter des Betriebsschutzes, mit ihm Kontrolleure, Mitarbeiter und selbst der Betriebsleiter der Osthafenmühle, in Diebstähle von Mengen bis zu zehn Tonnen Mehl und Gries verwickelt.

Neue Zeit

Infolge von Kriegshandlungen schwer beschädigt, im Dezember 1947 wiederhergestellt, nahm die Mühle am 3. August 1948 ihren vollständigen Betrieb wieder auf. 1946 verstaatlicht, wurde der Betrieb 1949 mit zweihundert Mitarbeitern zum VEB Osthafenmühle. 1950 konnten bereits innerhalb einer Stunde über viereinhalb Tonnen Roggen verarbeitet werden. Weizenlieferungen aus der UdSSR, Bulgarien oder Ungarn trafen auf Frachtschiff en am Kai der Mühle an. Schiff selevatoren und Rohrleitungen, die unter der Mühlenstraße verliefen, beförderten das Getreide in große Speicher, das von hier aus auch in den Export ging. 1954 belieferte die Osthafenmühle Dänemark und den Nahen Osten. Neue Produkte wie das Roggenweißbrot wurden entwickelt. Es verfehlte aber den Geschmack der Kunden: Es war zu pappig. 1953 gehörte neben dem Getreidespeicher auf Alt-Stralau das Berliner Brot- und Nährmittelwerk in der Boxhagener Straße dem VEB an. Hier verkündete am 10. Dezember 1953 der Brigadier Maslona für das erste Quartal 1954 mehrere Tonnen Teigwaren „über den Plan“ herzustellen. Angesichts knapper Rohmaterialien wunderten sich seine Kollegen über diese Aussage. Maslonas Vorschlag war, die Trockenzeit der Nudeln zu halbieren. Die Verluste der bruchempfindlichen Roggennudeln wurden damit verringert.

Mühle und Politik

Gregor Stosiek wohnte in Westberlin und war Arbeiter bei der Osthafenmühle. Am 16. Dezember 1955 wurde er im Zuge von Protesten gegen die Gründungsveranstaltung des rechtsradikalen Stahlhelm von der Westberliner Polizei zusammengeschlagen. Wie andere seiner Kollegen war Stosiek für politische Aktionen in Westberlin von der Arbeit freigestellt worden.

Expansion

1980 gehörten dem mit der Osthafenmühle verbundenem Kombinat Bako fünf Berliner Großbäckereien an. Neben einer täglichen halben Million Brötchen belieferte Bako seine Kunden mit Hunderttausenden Kuchenstücken, Zehntausenden Toastbroten, Landbroten, Kastenbroten und Mischbroten. Das „Berliner Mischbrot“ bestand zu 60 Prozent aus Roggen- und 40 Prozent aus Weizenmehl. Es kostete 1,05 Mark.

Schnelles Aus

Am 1. Juli 1990 splittete sich das Kombinat. Aus dem Werk 1 des VEB Getreidewirtschaft wurde die Berliner Osthafenmühlen GmbH, die im August 1990 Kurzarbeit anmelden musste. Doch selbst mit einer reduzierten Belegschaft waren die Mühle und das Nährmittelwerk wirtschaftlich nicht mehr zu retten. Allerdings bot die Fumi Futtermittelherstellung und Vertrieb GmbH, eine Ausgliederung des VEB Kombinat Getreidewirtschaft, Mitarbeitern neue Perspektiven. Mehr als 300 Jahre Mühlenhandwerk am hiesigen Spreeufer waren ans Ende gelangt.

 

Ein Gedanke zu „Getreide und Politik“

  1. Der jeder Vernunft hohnsprechende Umgang mit der Osthafenmühle als einer der großen Getreidemühlen Europas reiht sich ein in den Abriss der lästigen Ostkonkurrenz durch die beispiellose westdeutsche Wirtschafts- und Sozialinvasion nach 1989.

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