Getränkewagen | Quelle: Der Arbeiterfotograf

Unleidlich im Zentrum

Quelle: Der Arbeiterfotograf
Im Kiez war die Versorgung mit Getränken sehr wichtig. / Quelle: Der Arbeiterfotograf /

Die Weberstraße.

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Die Linienstraße führte einst durch eine Gartenstadt. Zier- und Gemüsegärtner entwickelten hier Anbaumethoden, um Blumenkohl, Spargel, Chicorée, Artischocken und vieles mehr anzupflanzen. Um die Gärtner mit Bodenbearbeitungsgeräten zu beliefern, eröffnete der Landmaschinenbauer Gericke an der Linienstraße 34 eine große Schmiedwerkstadt. Als er am 28. Februar 1820 einen Bauantrag zur Erweiterung seiner Werkstatt stellte, war nicht mehr von der Linienstraße, sondern von der Weberstraße die Rede: „Da die Straße von einer sehr großen Zahl von Webern, Strumpfwirkern und mit der Weberei beschäftigten Gewerbetreibenden bewohnt ist“, schrieb der Chronist Fidicin am 7. Januar 1821.

Tabaklädchen | Quelle: Der Arbeiterfotograf
Und zum Rauchen ging man in den Kellerladen. Quelle: Der Arbeiterfotograf

Wohnen und mehr

Nachdem 1805 die Berliner Börse gegründet, 1811 die Gewerbefreiheit eingeführt und 1818 die innerpreußischen Binnenzölle aufgehoben wurden, gab die Berliner Industrieausstellung am 1. September 1822 den Auftakt zur ersten Berliner Gründerphase. Die Aussicht, gutes Geld zu verdienen, lockte Handwerker und ihre Familien in die Weberstraße. Herr Gericke erwarb die Nummer 35, ließ im April 1830 seine Werkstatt abreißen und ein über beide Grundstücke reichendes zweistöckiges Haus bauen. Im Januar 1839 erhielt die Nummer 34 eine dritte Etage. Das Erdgeschoss wurde für Läden ausgebaut. Drei Stockwerke gehörten jetzt in der Weberstraße zum Standard und große Fensterfronten zierten die Erdgeschosse. Noch war die Straße unbefestigt. Doch seit dem 3. Oktober 1842 ebneten Granitplatten die Wege zum Gebäude des Fabrikbesitzers Westphal. Das Zeichen, dass sich die Residenzstadt Berlin zum Handels- und Industrieschwerpunkt wandelte, war 1844 die gesamtdeutsche Gewerbeausstellung. Den 681 Berliner Ausstellern ging es nicht nur um wirtschaftliche Belange, auch demokratische Reformen standen zur Debatte. Nach dem Scheitern der Märzrevolution von 1848 wurde im November 1848 der Belagerungszustand ausgerufen und am 27. April 1849 von der preußischen Nationalversammlung für ungesetzlich erklärt. Daraufhin löste der Brandenburger Ministerpräsident das Parlament auf. Die Polizei ging mit Brachialgewalt gegen Protestierende vor und brachte einige von ihnen zur Konstablerwache in der Weberstraße. Zahlreiche Bewohner der Straße stürmten das Polizeirevier und befreiten die Gefangenen.

 

Enge

Am 18. November 1880 kaufte der Magistrat dem Eisenwarenhändler Brenneke an der Landsberger / Ecke Weberstraße ein Stück Fläche ab, ein „Treffpunkt beider Straßen, die einen in den Bürgersteig hinein ragenden spitzen Winkel bilden, welcher sich für den lebhaften Verkehr an dieser Stelle als überaus hinderlich erweist.“ Eine Mauer vor der Markuskirche wurde abgebrochen, um einen Fußgängerdurchgang von der Weberstraße über das Kirchengrundstück zur Großen Frankfurter Straße zu schaffen. Der Markusplatz an der Weberstraße barg Probleme: „Wenn nun ein Fremder daher kommt und sieht sich den an (Heiterkeit), so wirft das jedenfalls ein schlechtes Licht auf die Vertretung der Bürgerschaft Berlins“, hieß es beim Magistrat und erwies dem „Stadtteil die Wohltat einer Anpflanzung“. Die war bitter nötig im Gebiet, wo allein in einem Haus 590 Mieter in 180 kleinen Wohnungen lebten.

Düster

Aus der Not heraus geschahen im Weberkiez grausige Verbrechen. So im Quergebäude der Weberstraße 15 A. Hier hatte Juliane Mahler ihr Zimmer. Sie war 77 Jahre alt, lebte von Almosen und teilte ihre Wohnung mit Marta Gauglitz und Marie Griebch, beide Verkäuferinnen. In der guten Stube wohnte Marie, Marta aber mit dem Schlosser Roman Ksiazkiewiicz in der Küche. Am Abend des 15. Mai 1914 kamen alle drei von der Arbeit. Marie sah, dass das Schließblech am Sicherheitsschloss ihres Zimmers verbogen war und Roman fand die Küche durchwühlt vor. Marie klopfte an die Tür von Juliane und hörte nichts. Daraufhin benachrichtigte sie die Polizei. Beim Öffnen des verschlossenen Zimmers bot sich den Beamten ein schreckliches Bild: Juliane hing am Bettpfosten! Aufgehängt mit einem Gürtel. Offenbar ein Raubmord, denn allen war das wenige Geld gestohlen worden. Die Tat blieb ungesühnt. Den Ermittlungen nach waren alle drei Mitbewohner unschuldig.

Kämpferisch

„Bei Boekers“ war fast ein Schlachtruf. Durch Anton Boekers Festsäle an der Weberstraße 17 fegte häufig das Gespenst einer Herrschaft ohne Herrscher. So anlässlich des 8. Kongresses der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften zwischen dem 22. bis 25. Januar 1908. Die antiparlamentarische, basisdemokratische FvdG lehnte im Ersten Weltkrieg einen Burgfrieden mit der kaiserlichen Regierung ab. Die FvdG sah den Generalstreik als die schärfste Waffe der Arbeiterklasse an und war an der Vollversammlung der kommunalen Arbeiterräte am 7. Februar 1919 in Boekers Festsälen beteiligt. Sehr zum Ärger vom Anarchisten Rudolf Rocker, einem Wortführer der FvdG, traf sich hier aber auch die KPD-nahe Arbeiterkorrespondentenbewegung zur Mitgliederversammlung und die Agitpropgruppe Rote Blusen warb für die Rote Hilfe. Am 1. Mai 1929 rief die KPD zu einer Kundgebung bei Boekers auf. Als die Teilnehmer um 12 Uhr den Saal verlassen wollten, stand ihnen eine etwa 20 Mann starke Polizeiabteilung mit entsicherten Karabinern gegenüber. Es war ein Verbot für alle Maikundgebungen auf der Straße erlassen worden. Allen Hakenkreuzfahnen zum Trotz wehte eine rote Fahne mit Hammer und Sichel am 1. Mai 1933 auf dem Dach der Festsäle, die von der SA gestürmt wurden.

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Mit Hochrufen und Sprechchören wurde Wilhelm Pieck am 2. Dezember 1951 in der Weberstraße empfangen. 45.000 Menschen waren aufgerufen, sich freiwillig am Aufbau Berlins zu beteiligen und Trümmer wegzuräumen. Das Neue Deutschland schrieb: „Aus den Lautsprechern tönte fröhliche Musik. Alle, die das Glück hatten, schon am ersten Tage mit dabei zu sein, wurden bereits am Vormittag im Betrieb mit Fragen bestürmt:„ ‚Ist alles richtig organisiert?‘“ Das war es. Mit den Trümmern und dem Verschwinden der Straße wurde die Geschichte des Weberkiezes abgeräumt.

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