Bunker | Foto: Zeitzeiger

Geheimes Friedrichshain

Bunker | Foto: Zeitzeiger
Da hat schon jemand versucht, einzusteigen – oder auszubrechen? / Foto: Zeitzeiger /
Bunker | Foto: Zeitzeiger
Der Eingang zum rätselhaften Bunker, durch den Zaun fotografiert. Was ist da versteckt – Raubkunst, Bernsteinzimmer, Stasi-Akten? / Foto: Zeitzeiger /

Ein kleines Stück weiter biege ich nach rechts, in eine Straße, die schon kurz darauf am westlichen Seitentrakt der Sportruine endet, zwischen vergessenen Baumaterialien und Gebüsch. Überall zeigt die Butterblume ihr Gelb, doch auch hier hat sich Gerümpel angesammelt, ein Staubsauger schiebt den Rüssel in aufgeweichte Winterjacken, ein Koffer reißt den Rachen auf und erinnert mich an ein Lied aus einem alten DEFA-Film: „Der Koffer macht den Rachen breit, komm mit, es ist so weit.“ Typisch DDR: keine Debatten. Linkerhand folgt ein kleiner Sportplatz, und dahinter liegt, hoch von Maschendraht umzäunt, das bewusste Grundstück: etwa fünfundzwanzig Meter im Quadrat und anscheinend unbewohnt, dicht bewachsen von Baum und Strauch; niemand scheint hier einzugreifen in die Natur. Da und dort Berge von Gestrüpp, nirgends ein Weg, nicht einmal ein Trampelpfad. Und auch kein Namensschild am Tor, das, Richtung Krankenhaus gelegen, gesichert ist mit drei starken Ketten und drei Schlössern. Aber was gibt es hier vor der Mitwelt zu schützen? Eine Unterkunft ist in dieser Wildnis nicht zu sehen, nur ein kleiner quadratischer Turm aus Betonteilen und weiter vorn eine schräg liegende große Eisentür, ebenfalls mit Schlössern zugesperrt – keine Ahnung, was das sein könnte. Zu Hause hatte ich auf mein Messtischblatt aus dem Jahre 1975 geschaut, das die Gegend rund um die Karl-Marx- und die Frankfurter Allee zeigt, Maßstab 1:10.000. Auf dem späteren SEZ-Gelände befand sich zu jener Zeit das Karl-Friedrich-Friesen-Schwimmstadion, auch das Grundstück hier war zu erkennen, aber nur als umrandete weiße Fläche. Vielleicht gab es damals dort noch nichts. Oder es war zu geheim für diese Karte, die man nur als Vertrauliche Dienstsache eingestuft hatte. Viel herausgefunden habe ich also bislang nicht, und ich wüsste auch nicht, wie ich als außenstehender Betrachter mehr erfahren könnte.
Doch nun geschieht etwas, das ich wahrscheinlich hätte erfinden müssen, wäre es nicht tatsächlich geschehen: Vom Sportplatz her kommt ein älterer Herr in grauer Jacke und mit leicht verdrießlichem Gesicht, und ihn frage ich, ob er mir wohl sagen könne, was es mit diesem Grundstück auf sich hat. Aber klar, antwortet er mir sofort, das ist ein Bunker, stammt aus den sechziger Jahren. Der Turm da, der ist zur Belüftung … Doch statt nun nach dem Zweck des Bauwerks zu fragen – war es vielleicht der Atombunker der SED-Kreisleitung Friedrichshain? – erkundige ich mich nur, was jetzt darinnen sei. Die Antwort lautet: „Nüscht. Das hat man nach der Wende an so’n Ausländer verscherbelt, alles zusammen für eine Mark, an so’n Finnen.“
Ausländer waren ja schon immer verdächtig, die Sachsen zum Beispiel … ganz recht, auch die Sachsen zählten hier einst zu den Ausländern … denn sie wiegelten, so habe ich es bei einem preußischen Militär gelesen, die guten Landeskinder auf. Was der Finne verbrochen haben soll, kann ich hingegen nicht so recht verstehen, es ist mir auch egal, und so bleibt mir nur, mich von jenem Herrn dankend zu verabschieden. Von Weitem schaut mein Auskunftgeber noch einmal zu mir zurück, er rätselt wohl, weshalb sich jemand für diese Fläche interessiert. Ich frage mich derweil, ob der Käufer damals vielleicht gern in Bunkern oder Höhlen gelebt hat? Es hat ja seinen Reiz, man kann dort Ruhe finden, sich auf sich selbst besinnen und fern der schlechten Welt endlich sicher fühlen. Gerade hier in Berlin, jenem Ort, von dem einst die meisten Kriege ausgingen, war der Bedarf an Sicherheit groß, die Reichshauptstadt wurde zur Stadt der Bunker. Später wurden sie fast alle gesprengt, und so mancher ist unter Gefahr für Leib und Leben in den Ruinen der Hochbunker am Friedrichshain herumgeklettert und hat nach Verborgenem, nach Verschollenem gesucht. Heute ist die Zeit der Bunker vorbei, doch wenn es uns nötig erscheint, tun wir noch immer etwas, das an sie erinnert: Wir bunkern. Anscheinend trauen wir dem Frieden nicht.

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