Friedrichshain 1919, Quelle: SVT, Fotograf unbekannt

Doppeldecker über der Krautstraße

Werbeanzeige für Freikorps, Quelle: Berliner Mittagszeitung
Werbe­anzeige für Freikorps in der Tageszeitung. / Quelle: Berliner Mittagszeitung /

Expansion

Am 8. März verlagerte sich die Kampfzone nach Friedrichshain, wo leichte und schwere Artillerie zum Einsatz kam. Um die vom Alexanderplatz anrückenden Freikorps-Verbände unter Feuer zu nehmen, errichteten Aufständische am Strausberger Platz Barrikaden.
Das Freikorps Lüttwitz setzte drei gepanzerte Kampf-Doppeldecker ein. Diese warfen aus 50 Metern Höhe über der Krautstraße Bomben ab. Eine schlug in der Markusstraße in den Dachstuhl eines Hauses ein. Sie beschädigte die vierte, dritte und zweite Etage und eine Hausfront in der Blumenstraße. Eine weitere Bombe explodierte auf der Straße vor einem Restaurant, in das sich Passanten geflüchtet hatten. Durch die Lange Straße wurde gebrüllt: Straße frei! Fenster zu! Ein kleines Mädchen lehnte sich aus dem Fenster der Nummer 93. Fräulein Dahle, eine Nachbarin, wollte das Mädchen vom Fenster holen und wurde von einer Kugel getroffen.
Die Freikorps schossen wahllos mit schwerem Geschütz auf vermeintliche Gegner. Dabei schlug eine Granate in der Palisadenstraße ins Dach eines Hauses. Es stürzte ein und begrub die Bewohner unter Trümmern. Als Freikorps Flammenwerfer und Panzerwagen in der Warschauer Straße einsetzten, kämpften auch Frauen und Jugendliche „gegen die verhaßten Militärs, die der Bourgeoisie wieder zur alten Macht verhelfen wollten.“
Am 10. März befahl Noske: „Aus Häusern, aus welchen auf die Truppe geschossen wurde, sind sämtliche Bewohner, ganz gleich ob sie ihre Schuldlosigkeit beteuern, auf die Straße zu stellen, in ihrer Abwesenheit die Häuser nach Waffen zu durchsuchen, und Personen, bei denen Waffen gefunden werden, zu erschießen.“
In die Wohnung der 27-jährigen Johanna Löffelmerker aus der Andreasstraße drangen Freikorps-Soldaten ein, um nach Waffen zu suchen. „Sie fanden aber nichts. Daraufhin gingen sie mit meinem Mann in den Keller“, sagte Frau Löffelmerker, als sie Tage später die grausam zugerichtete Leiche ihres Mannes vor einer Kneipe liegen sah. Um ihnen Schuhe, Uhren oder Personalpapiere zu stehlen, folterten und erschossen Korps-Soldaten Unschuldige. Offiziell handelten die Täter „auf dienstlichen Befehl“.  Wegen dieser Dienstpflicht galt vor Gericht eine „Körperverletzung mit Todesfolge“ als ausgeschlossen. Zivile Opfer wurden in Gerichtsverhandlungen als „Neugierige“ abgestempelt und Zeugenaussagen wurden wegen der „Psychose des Bürgerkrieges“ als „verzerrt“ abgetan.
Am 13. März 1919, dem Ende der Kämpfe, stand das Freikorps Hülsen in Teilen von Friedrichshain, wo das Kriegsrecht bis zum 5. Dezember bestehen blieb. Der Märzstreik von 1919 forderte über 1.200 Todesopfer. Sein Scheitern war eine Weichenstellung in den Zweiten Weltkrieg und in die Teilung Deutschlands.

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