Das Zodiak am Halleschen Ufer 1969 | Foto: Detlef Krenz

Untergrund, was ist das? Ein Versuchsprojekt

Das Zodiak am Halleschen Ufer 1969 | Foto: Detlef Krenz
Session im Zodiak am Halleschen Ufer 1969 / Foto: Detlef Krenz /

Fünf öffentliche Veranstaltungen zu Leerstellen in der Zeitgeschichte und Erinnerungskultur in Friedrichshain.

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Der Begriff Untergrund, ob kulturell, künstlerisch oder politisch, hat ganz verschiedene Anklänge. Verrucht, geheimnisvoll, versteckt und gefährlich ist er für die einen, abgelatscht, Sehnsuchtsort alter Leute, Schnee von gestern für andere. Es geht darum, eingetretene Pfade zu verlassen und Neues auszuprobieren, auch mit Mitteln der Provokation, aber auch darum, Emanzipation und Teilhabe zu ermöglichen und Ohnmacht zu überwinden. Schlagworte wie „Parallelgesellschaft“ oder „terroristisch“ verhärten den Begriff , wohlfeil angebotene Punk-Accessoires oder touristisches Amüsement in Partykellern weichen ihn auf.
Was ist überhaupt echt an Untergrund? Zeitzeiger startet dank einer Förderung durch die Kulturverwaltung des Berliner Senats eine Testreihe. Geplant sind fünf Veranstaltungen zum Thema, in denen Künstler, Wissenschaftler, Publizisten und Zeitzeugen aus Ost und West zusammenkommen und sich zu dem Thema austauschen. Folgende Veranstaltungen sind geplant:

Berlins „Summer of Love“ – Vortrag

1968, das war nicht nur ein Jahr der Demonstrationen in Westberlin, sondern auch eine Zeit, in der Neues und Revolutionäres auf dem Gebiet der darstellenden Kunst und der Musik entwickelt, zelebriert und aufgeführt wurden. Wurde in Berlin schon vor 1945 mit elektronischer Musik experimentiert, so eröffneten die erweiterten Möglichkeiten der neuartigen Musikinstrumente, die in den 1960er Jahren auf den Markt kamen, bislang unerreichbare Klangräume. Dies zog auch eine veränderte Aufführungspraxis nach sich. „Lightshows“ – Projektionen von Bildern und Filmschnipseln, eingebettet in grellbunte Animationen illuminierten die Auftritte der Bands an Orten wie dem Zodiak am Halleschen Ufer. Behandelt wird der Zeitraum zwischen 1967 bis 1971, der einige Jahre später der nächsten Generation von Musikern und Künstlern Anregung und Inspiration für gänzlich andere Ausdrucksformen bot.

Freitag, 27. August, Villa Felix, Schreinerstr. 47, 10247 Berlin ab 20h

Das Zodiak am Halleschen Ufer 1969 | Foto: Detlef Krenz
Am Rande des Geschehens, Zodiak 1969. / Foto: Detlef Krenz /
Flugblatt!!!, Ostberlin, im Graubereich der Erlöser-Punks entstanden im Sommer 1989. | Foto: Zeitzeiger
Flugblatt!!!, Ostberlin, im Graubereich der Erlöser-Punks entstanden im Sommer 1989.
/ Foto: Zeitzeiger /

Experimenteller Dokumentarfilm (1983)

Im Januar 1981 besetzten Frauen ein Wohnhaus in der Manteuffelstraße 97 und gründeten den Verein Marianne Teuffel. Eine der Besetzerinnen drehte 1983 einen etwa 20-minütigen Film aus der Innenansicht des Frauenhauses, der stilistisch auf Verfremdungseffekte, Fotodokumentation und Interviews setzt. Er ist nicht nur eine dokumentarisch-künstlerische Momentaufnahme, sondern auch Dokument der Emanzipation der Geschlechter. Die Beteiligung von Frauen in der Besetzerszene, ihre Konzepte, Strategien, Erfolge und Misserfolge sind kaum beleuchtet. Welche Rolle diese Frauen in jener Zeit des Umdenkens in Richtung Akzeptanz des zivilen Ungehorsams, bei Stadtkonflikten und bei der alternativen Stadtplanung spielten, wird Thema des Abends sein.

Ormig und Rotaprint – Verbotene Drucke im Berlin der westsiebziger und ostachtziger Jahre

Gedrucktes ist ein Massenmedium, mit dem viele Menschen erreicht werden können. Wer drucken kann, ist in der Lage, den eigenen Kommunikationsradius erheblich zu erweitern. Die Gegenöffentlichkeit war in den 1970er Jahren Westberlins ein enorm wichtiger Bestandteil emanzipatorischer außerparlamentarischer sozialer Bewegungen, als Zeitungen und andere Printmedien noch sehr statisch und konservativ agierten.
DDR-Spezialisten kennen die Titel von vielleicht drei oder vier Erzeugnissen der illegalen Publizistik der DDR-Widerständler in den 1980er Jahren. Es existierten aber über 200 Titel – tausende Seiten. Ein kaum beachteter Schatz.

Cosima Reif Im Rahmen der Ausstellung „Drunken TV“ 1993 | Still: André Werner
Cosima Reif, der weltweite erste Sprung eines lebenden Fernsehers durch einen Feuerreifen. Im Rahmen der Ausstellung „Drunken TV“ 1993, Studio bildende Kunst Berlin-Baumschulenweg. / Still: André Werner /

Sind wir jetzt im Untergrund?

Eine Zufallsproduktion Mitte der 80er Jahre begegneten sich in Westberlin, rein zufällig, zwei Künstler – sie: Vortragende, Performerin, Briefmarkenfälscherin und Gründerin der Zufallspost und er: Maler, Medienkünstler, DJ und Teil des Guerilla-Kunstprojektes A&O. Der Beginn einer langen Freundschaft, die sich bis heute in zahlreichen gemeinsamen Aktionen, Ausstellungen, Filmen, Publikationen und multimedialen Vorträgen niederschlägt. Von frühen Video-Performances und Ausstellungsexperimenten in der 1989 aus dem Guerilla-Kunstprojekt hervorgegangenen Galerie A&O in Kreuzberg zu der dreiteiligen Publikation „Reiseberichte aus der Beliebigkeit“, dem Film und Buchprojekt „Hotel Mittelmeer“ im Haus der Kulturen, der Gruppenausstellung „Turbulenzen“ im Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft der TU Berlin oder bei der Live-Dressur lebender Fernseher im Studio Bildende Kunst – immer wieder werfen sich die beiden Bälle zu, fröhlich zwischen Medienkunst, Medientheorie und der Freude am „Warum sagen die Leute immer, wir seien Untergrund“?

Ideologie-Recycling 1980 – 2020 Textlesung, Schaubilder, Video und noch mehr

Manches, das an hohen glatten Oberflächen zugespitzter Hierarchien nichtsnutzig abperlt, verläuft sich in den Untergrund und findet sich in fundamental anwachsenden Fragen unter den jeweiligen Verhältnissen wieder. Es war und ist nicht alles schlecht, wir müssen nur von dort aus gesehen die zukünftigen Wert- und die gegenwärtigen Schadstoffe sorgfältig trennen, sortieren und das Richtige gut wiederverwerten.

Donnerstag, 19. August, Villa Felix, Schreinerstr. 47, 10247 Berlin ab 20h

Nicht ohne Grund: Untergrund, eine Testreihe in der Villa Felix, der Kneipe in der Schreinerstraße August–Dezember 2021

Die Termine stehen noch nicht alle fest. Auch ist aufgrund der Hygienemaßnahmen noch nicht sicher, wie viele Menschen zu den Veranstaltungen gelassen werden können. Bitte melden Sie sich bei Interesse bei uns per E-Mail an redaktion@fhzz.de.

 

„Nicht ohne Grund: Untergrund“ ist eine Veranstaltungsreihe des zeit.zeiger.berlin e.V. mit freundlicher Unterstützung durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa, Berlin im Rahmen der Förderung zeitgeschichtlicher und erinnerungskultureller Projekte 2021.

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