Florian Günther ist nicht nur der Dichter und Fotograf, sondern vor allem ein Beobachter. Foto: Giovanni Lo Curto

Wahrhaftigkeit ist wichtig

Florian Günther. Im zarten Kindergartenalter, Ende der 1960er Jahre. Foto: Privat
Im zarten Kindergartenalter, Ende der 1960er Jahre

Selbstbehauptung unter schwierigen Bedingungen

Manche behaupten, es gäbe nur zwei Typen von rastlosen Menschen: Reisende, die unterwegs sein müssen, um die Welt zu erkennen und solche, die in der Stabilitas loci eines festen Ortes nicht weniger klug, wissend und weise als die Kilometerfresser werden, oft sogar noch mehr. Florian Günther gehört eher zu den letzteren. „Mein Leben spielt sich hauptsächlich zwischen der Landsberger Allee mit dem Krankenhaus, in dem ich geboren wurde, der Warschauer Brücke und dem oberen Ende der Frankfurter Allee ab.“ In der Eckertstraße befand sich seine Schule. Ausgebildet wurde er in der ND-Druckerei am Mehringplatz zum Offsetdrucker. „Ich war ein guter Lehrling, der Beste, wie man der obligatorischen Wandzeitung entnehmen konnte“, erzählt er grinsend. „Ich mochte die Arbeit, die mehrstöckigen Maschinen, den Geruch der Farben.“ Eingeteilt wurde er zu den Maschinen, auf denen die Berliner Zeitung, die Pionierzeitung Trommel und die Postillen der Blockparteien gedruckt wurden. Aber er blieb nicht lange. Kaum hatte er seine Lehrzeit abgeschlossen, kündigt er auch schon wieder. „In erster Linie wollte ich damit einer Frau imponieren, mit der ich später eine Tochter hatte. Aber ich konnte und wollte mir auch nicht vorstellen, ein Leben lang dasselbe zu tun.“

Florian Günther. Spaziergang mit der Mutter in der Karl-Marx-Allee. Foto: Privat
Spaziergang mit der Mutter in der Karl-Marx-Allee.

Mit siebzehn war er bei den Eltern ausgezogen. Er hatte noch keine eigene Wohnung, lebte praktisch auf der Straße. „Das war schon hart. Ich habe im Dreischichtsystem gearbeitet und nachts auf Parkbänken oder in zugigen Hausfluren genächtigt.“ Er entwickelte sich zum Gelegenheitsarbeiter, arbeitete mal am Ostbahnhof, mal auf Friedhöfen, mal an Orten, an die er sich heute kaum noch erinnert, bricht immer wieder in leerstehende Wohnungen ein. Dann weist man ihm – wohl um ihn besser im Auge zu haben – eine heruntergekommene Parterrewohnung mit Außentoilette und für 25 Ostmark in der Kopernikusstraße zu. Beziehungen mit anderen Leuten, einschließlich Frauen, hielt er nie lange aus: „Ich war ein schwieriger Zeitgenosse, fast immer betrunken, hatte das Gefühl, nirgendwo so richtig reinzupassen. Ständig gab es Ärger mit der Polizei.“ Da er keiner festen Arbeit nachging, droht ihm der ABV: „Sobald du auch nur einen Appel klaust, bist du dran!“ Mehrmals stand er an der Bahnsteigkante auf dem U-Bahnhof Frankfurter Tor, schaffte es aber nicht zu springen.
Aber er traf auch auf Menschen, die Interessantes zu erzählen wussten, Kneipenbekanntschaften, alleinstehende Frauen.

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