Leninplatz in Berlin | Foto: Robert Roeske, Bundesrachiv Bild 183-1988-1104-024, Wiki Commons

Leerstellen und Auffüllungen

Leninplatz in Berlin | Foto: Robert Roeske, Bundesrachiv Bild 183-1988-1104-024, Wiki Commons
Als wäre er der Mittelpunkt der DDR-Hauptstadt (wenn schon nicht der Welt). Der Leninplatz 1988 / Foto: Robert Roeske, Bundesrachiv Bild 183-1988-1104-024, Wiki Commons /

Von Denkmälern die verschwunden und wieder aufgetaucht sind.

von Hajo Toppius.

Berlin ist eine Stadt der Löcher und Leerstellen, sie hat etwas Collagenhaftes in der vieles zusammengesetzt, übereinander gebaut, ausradiert und neu gemacht ist. Mindestens seit der Reichsgründung 1871 kam jede folgende Epoche mit einem noch größeren Stempel an, um ihn der Stadt aufzudrücken, und die darauf folgende Epoche wollte die alten Stempel hier und da gern wieder entfernen. Dadurch entstanden zum Teil eigentümliche Orte mit sonderbaren Geschichten, vor allem im Hinblick auf Denkmäler und – nicht mehr vorhandene Denkmäler. Eigentlich ist Friedrichshain eine Denkmalwüste. Wenn, dann gibt es hier Denkmäler von nichtberühmten Menschen: Mütter und Kinder und Bären, wie zum Beispiel an der Kreuzung Grünberger, Ecke Warschauer Straße. Von den Helden gibt es nur noch wenige oder nur augenzwinkernd inszenierte Reste, wie die Gedenksteine von Franz Stenzer und Karl Liebknecht auf dem RAW-Gelände. Die meisten personenbezogenen und staatstragenden politischen Denkmäler sind aber verschwunden und hinterließen Leerstellen.

Stalin-Denkmal, 1955 | Quelle: Postkarte um 1955
„Väterchen Stalin“ kontrolliert den Straßenverkehr. Wie es heißt, musste SED-Chef Walter Ulbricht von den Sowjets erst übezeugt werden, den Diktator entfernen zu lassen.
/ Postkarte um 1955 /

Monströse Denkmäler

Die berühmtesten haben die großen Fackelträger des Sozialismus hinterlassen: Lenin und Stalin. Ganz unauffällig ist der Ort des ehemaligen Stalindenkmals an der Karl Marx Allee (ungefähr in der Höhe von Hausnummer 70): unscheinbare Pflanzbecken und Brunnen, die gerade saniert werden, vor zwei Wohnblocks aus den 70er Jahren, die die berühmte Bebauung der ehemaligen Stalinallee unterbrechen. Auf der gegenüber liegenden Seite stand die Deutsche Sporthalle, die wegen Baumängeln 1971/72 abgerissen werden musste. Im Zuge des letzten großen Entstalinisierungsimpulses beim XXII. Parteitag der KPdSU im Herbst 1961 wurde die Stalin-Allee in Karl-Marx-Allee umbenannt und der 4,80 m hohe Stalin in einer stillen nächtlichen Aktion entfernt. Übrig blieb davon nur ein Ohr, das heute im benachbarten Café Sibylle lagert und eine kuriose Odyssee hinter sich hat. Der deutlich bekanntere ehemalige Denkmalort ist der Platz der Vereinen Nationen, der bis 1992 Leninplatz hieß, nicht, weil der Ort an sich so berühmt ist, sondern weil das Bild des entschweben Granitkopfes im Film „Good bye Lenin“ Filmgeschichte geschrieben hat. 2014 gab es eine sehr kuriose Diskussion um den im Brandenburger Sand verbuddelten Kopf des Lenindenkmals, der seit 2016 in der Zitadelle Spandau ausgestellt wird. Von dem riesigen Denkmal ist heute nichts mehr zu sehen. An der ehemaligen Denkmalstelle ist ein sonderbar unpassender Platz entstanden. Hier wurden ein paar Steine aus aller Welt platziert, als wäre es gewünscht gewesen, dass hier ein Loch mit ein paar Bruchstücken sichtbar bleibt.

Postkarte: Friedrichshainer Park, um 1900
Farbige Postkarte mit Bartholomäuskirche und Motiven des Friedrichshainer Parks, darunter das nicht mehr bestehende Kriegerdenkmal. Um 1900.

Denkmäler im Park

Gar nicht weit vom ehemaligen Lenin steht ein Denkmal mit einer ähnlich kuriosen Geschichte, das auch lange Zeit verbuddelt war und in Teilen wieder aufgetaucht und an den ursprünglichen Ort zurückgekehrt ist: Friedrich II. von Preußen, der Namensgeber des Parks, dessen Denkmal 1848 aufgestellt worden war. Fast zeitgleich mit der Aufstellung des Stalin-Denkmals 1951 verschwand die Bronzebüste Friedrichs mit samt dem steinernen Sockel und blieb bis nach der Wende verschwunden. Ein paar Jahre, nachdem der benachbarte Lenin im Märkischen Sand vergraben wurde, tauchte der deutlich ramponierte Denkmalssockel des mittlerweile sehr alten Fritz‘ bei Erdarbeiten unter einem Schuttberg wieder auf. Die verschwundene Bronzebüste ließ man nachgießen. Das ganze Ensemble wurde 2000 wieder aufgestellt, so dass der Fritz fast auf Lenins Leerstelle schauen kann. Ein anderes Denkmal aus Wilhelminische Zeit ist komplett verschwunden, ohne eine sichtbare Leerstelle hinterlassen zu haben. Am Eingang zum Volkspark am ehemaligen Landberger Platz an der Landsberger Allee stand ein großangelegtes Kriegerdenkmal für die Einigungskriege von 1866-71, das nach dem zweiten Weltkrieg den Zerstörungen, Umgestaltungen und politischen Präferenzen zum Opfer gefallen ist. Ein weiteres Denkmal bringt man nicht sofort mit der sonst oft martialischen wilhelminischen Denkmalästhetik zusammen. Vielleicht hat es auch deshalb bis heute überlebt. Es ist der Märchenbrunnen am anderen Eingang des Parks, der nach 12 jähriger Bauzeit zum 25. Jährigen Thronjubiläum Wilhelms II. 1913 eingeweiht wurde. Er fügte sich gut in die Mütter-, Kinder- und Bärenästhetik der sozialistischen Denkmäler ein.

Wandelbare Denkmäler?

Vor dem Hintergrund dieser ungewöhnlichen Denkmalgeschichte des Bezirkes stellt sich die Frage, was denn ein zeitgenössisches Denkmal sein könnte – oder ob es überhaupt eines braucht. Eine Idee wäre, jährlich neu bestückbare Denkmäler aufzustellen, deren Inhalte passend zu den Entwicklungen im Bezirk in einem bestimmten Rhythmus untereinander ausgetauscht werden. In unseren Internetzeiten ließe sich so ein Austauschdenkmal, das zum Beispiel jährlich mit Hilfe einer entsprechenden Online-Debatte, beziehungsweise -abstimmung neu bestückt wird, sicher gut realisieren.

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